Russland: Mit Folter zum Geständnis

Immer neue Fälle von Polizeigewalt erschüttern Russland.

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Kasan – Lange Zeit hat die russische Polizei bei Folter und Gewalt in Gefängniszellen von „Einzelfällen“ gesprochen. Doch was Opfer von Misshandlungen in Polizeigewahrsam schildern, deutet auf viel mehr hin: Fast täglich werden derzeit in Russland neue Fälle von Polizeigewalt bekannt. Eigentlich hatte Präsident Dmitri Medwedew für seine im Mai endende Amtszeit eine umfassende Polizeireform zu einem Schwerpunkt gemacht - allerdings ohne spürbare Ergebnisse. Das Vertrauen in die Sicherheitskräfte ist bei seinen Landsleuten auf dem Tiefpunkt angelangt.

Der schlimmste Fall von Folter war in jüngster Zeit wohl der von Sergej Nasarow. Der 52-Jährige aus Kasan in der Teilrepublik Tatarstan starb Anfang März, nachdem ihn Polizisten mit einer Champagnerflasche vergewaltigt hatten. Er war wegen des Verdachts auf Diebstahl festgenommen worden - und starb kurz darauf nach einem Darmdurchbruch.

Nach dem Bekanntwerden des Falls meldeten sich binnen weniger Tage rund 30 weitere mutmaßliche Missbrauchsopfer aus der Stadt. Gegen Beamte des Reviers laufen derzeit Ermittlungen in insgesamt drei Fällen von Gewaltanwendung; sieben wurden vorläufig inhaftiert.

„Ich habe Glück gehabt“, sagt der 22-jährige Oskar Krylow, der auch in Kasan misshandelt wurde. Er sei im Oktober wegen Diebstahlverdachts in Gewahrsam genommen worden. Als er sich geweigert habe zu gestehen, hätten ihn drei Beamte zunächst mit einem Stift und dann ebenfalls mit einer Flasche misshandelt, berichtet der Informatiker. Er habe um Hilfe geschrien und angeboten, „alles“ zu unterschreiben. „Nachdem was Nasarow passiert ist, sage ich mir jetzt: Ich bin am Leben und bei guter Gesundheit“, sagt Krylow.

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Trotz der massiven Vorwürfe gegen die Beamten seiner Stadt sieht der Polizeichef von Kasan, Rustem Kadyrow, in der Anwendung von Folter und Gewalt keine gängige Praxis. Aus den „beschämenden“ Vorfällen dürften keine „allgemeinen Schlussfolgerungen“ gezogen werden, sagt er. „Die Menschen müssen Vertrauen in die Polizei haben.“

Doch das ist nicht der Fall. Seit Medwedews Ankündigung, die Polizei grundlegend zu reformieren, hat sich deren Arbeitsweise keineswegs verbessert - dies sehen zumindest 75 Prozent der Russen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Lewada so. 14 Prozent der Russen bemerken sogar eine Verschlechterung.

Die Liste brutaler Fälle von Polizeigewalt lang. Die Menschenrechtsgruppe Memorial machte jüngst auf die Misshandlung eines unter Extremismusverdacht stehenden Mannes aufmerksam, der zu einer Aussage gegen einen mutmaßlichen Komplizen gezwungen werden sollte: Beamten aus dem Moskauer Vorort Chimki hätten ihm im Gewahrsam die Fingernägel abgezogen und gedroht, ihn zu vergewaltigen, teilte die Organisation mit. Sie sollen ihm eine Schlinge um den Hals gelegt und diese an der Wand befestigt haben, so dass der Mann bei jeder kleinen Bewegung zu ersticken drohte.

Auch ein unter Korruptionsverdacht stehender Bürgermeister erhob Foltervorwürfe. Nach seiner Festnahme Anfang Februar hätten Beamte einen Plastikbeutel über seinen Kopf gestülpt und diesen verschlossen, teilte der Bürgermeister von Stawropol, Igor Bestuschi, vergangene Woche über seine Anwältin mit. Ihm sei mit einem tödlichen Elektroschock und Vergewaltigung gedroht worden. Aus Verzweiflung habe er schließlich gestanden, Bestechungsgelder angenommen zu haben, nachdem die Sicherheitskräfte gedroht hätten, sich auch seine Familie vorzunehmen.

Innenminister Raschid Nurgaljew verspricht zwar eine Aufklärung aller Fälle. Doch daran glaubt in Russland kaum jemand. Während gegen einige Beamte Ermittlungen laufen oder bereits Anklage erhoben wurde, fordert der Chef des Menschenrechtszentrums in Kasan, Igor Scholochow, neue Anweisungen innerhalb der Polizei. Das größte Problem liegt seiner Ansicht nach darin, dass die Beamten bestimmte Aufklärungsquoten erreichen müssen - und dafür auch belohnt werden. „Um gute Berichte vorweisen zu können, wird gefoltert“, resümiert er. (APA)


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