„Ich nehme meine eigene Rolle nicht so wichtig“

Der Tiroler ORF-Moderator und „Dancing Stars“-Teilnehmer Wolfram Pirchner über körperlich grenzwertige Tanzerfahrungen und sein Leben außerhalb des ORF.

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Franz Schuh kommt: Am 22. Mai spricht er in der Pölzbühne Schwaz über „Die Zukunft der traditionellen Intelligenzarbeit“, am 23. Mai liest er in der Bäckerei in Innsbruck aus „Der Krückenkaktus“. Foto: Heribert Corn
© thomas boehm

Sie sind unmittelbar nach der letzten „Dancing Stars“-Show vor der Osterpause in eine ganz normale „Heute in Österreich“-Woche gestartet – Alltag dürfte sich zurzeit vergleichsweise entspannt anfühlen.

Wolfram Pirchner: Ich habe nach der letzten Show einen taktischen Fehler begangen und zu Generaldirektor Wrabetz gesagt: „Normale Arbeit ist für mich ja fast schon wie ein Erholungsurlaub.“

Was macht das Tanzen mit Ihnen, was lernen Sie über sich?

Pirchner: Ich lerne, an meine Grenzen zu gehen.

Nur physisch oder auch psychisch?

Pirchner: Psychisch bin ich, behaupte ich, sehr gefestigt. Aber physisch ist das Ganze grenzwertig. Tanzen ist ein Hochleistungssport. Das ist nicht die reine Hetz. Ich hatte es mir zwar anstrengend vorgestellt, aber man muss es selbst tun, damit man darüber reden kann.

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Warum tun Sie mit?

Pirchner: Ich wurde bei jeder Staffel gefragt und habe immer gesagt, aufgrund meiner körperlichen Schädigungen – ein operiertes Knie, eine neue Hüfte, die Achillessehne kaputt und ein paar Bandscheibenoperationen – ist das nichts für mich. Als ich aber letztes Jahr wieder gefragt wurde, hat für mich der Ton gepasst.

Wie meinen Sie das?

Pirchner: Ich war ja Musiker und lege auf den richtigen Ton sehr viel Wert. Nach Rücksprache mit meiner Frau habe ich dann zugesagt.

Ihre Frau hat Sie ermutigt?

Pirchner: Ja, aus einem gewissen Eigeninteresse heraus. Wenn ich nicht mehr nur patschert durch diverse Ballveranstaltungen stolpere, hat sie ja auch etwas davon.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Frauen in der Regel erstens lieber tanzen und zweitens mit mehr Grundbegabung an die Sache herangehen?

Pirchner: Dass das wirklich stimmt, sieht man nicht zuletzt wieder einmal an dieser „Dancing Stars“-Staffel. Frauen sind flexibler, offener, gehen leichter aus sich heraus und haben nicht ständig Angst, sich zu blamieren. Und sie sind, scheint mir, konsequenter beim Lernen. Wir Männer sind halt doch eher starrere Lebewesen, nicht nur beim Tanzen.

Verändert sich durch das Tanzen Ihr Körpergefühl?

Pirchner: Leichter ist mir jedenfalls geworden – bisher um sieben Kilogramm. Ansonsten habe ich mich vorher schon recht wohl gefühlt in meinem Körper, die Endorphinausschüttung erlebe ich auch bei anderen Tätigkeiten. Tatsache ist aber, dass mir seit vielen, vielen Jahren zum ersten Mal nicht mehr täglich alles Mögliche weh tut – und das, obwohl ich mir beim Tanztraining vor drei Wochen den Meniskus eingerissen habe. Das ist wirklich erstaunlich für mich. Es fühlt sich gut an, obwohl ich auch den ganzen Tag müde bin.

Als Fernsehmoderator sind Sie es seit vielen Jahren gewöhnt, ständig und mitunter harsch öffentlich beurteilt zu werden – aber auf einem Parkett, auf dem Sie sich zu bewegen wissen.

Pirchner: Ich habe die Erfahrung nicht, harsch beurteilt zu werden. Du hast Leute, die dich mögen, und genauso Leute, die dich eben nicht mögen oder missgünstig und neidisch auf dich reagieren. Das ist aber deren Problem. Ich nehme Liebeskundgebungen genauso zur Kenntnis wie Kritik, mehr nicht. Und ich kann auch mit dem Begriff „Star“ nichts anfangen.

Was ist für Sie ein Star?

Pirchner: Jemand, der Herausragendes leistet und herausragend verdient. Ich leiste eine ganz gute Arbeit, verdiene auch ganz gut – und das ist alles.

Mögen Sie sich selbst am Bildschirm?

Pirchner: Nicht wahnsinnig gern, aber ich gewöhne mich langsam an mich. Im Radio mochte ich mich gern, ich bin heute noch überzeugt davon, dass ich ein guter Radiomann war.

Fällt es Ihnen schwer, sich dem Urteil der Tanzjury auszusetzen?

Pirchner: Ich sag’ so: Völlig klar ist, dass das kein Tanzwettbewerb ist, sondern eine Tanzshow. Und ich tanze nicht für die Jury, sondern für mein Publikum.

Allzu dünnhäutig darf man jedenfalls nicht sein, wenn man dort steht und das Urteil entgegennimmt.

Pirchner: Das stimmt. Aber ich kann und will nicht beeinflussen, was andere über mich denken. Auch das muss man gelassen zur Kenntnis nehmen.

Ein Teil der Wahrheit ist auch, dass mit dem ominösen einen Punkt, den Sie als Erster in der Geschichte der Show bekommen haben, eine Menge Extra-PR für Sie verbunden war.

Pirchner (lacht): Normalerweise musst du die Show dreimal hintereinander gewinnen, um so viel Publicity zu kriegen! Es ist nicht nur lustig, keine Frage, aber im Grunde ist es nur eine Fernsehshow und nicht das tägliche Leben.

Nicht einmal Ihr tägliches Fernsehleben. Wie hat das mit Ihnen und den elektronischen Medien begonnen?

Pirchner: Mit einem Redewettbewerb der Kabelfernsehgesellschaft, den ich überraschenderweise gewonnen habe. Daraufhin hat mir der damalige Sportchef des ORF Tirol, Manfred Gabrielli, eine Probereportage über Fußball angeboten und so bin ich hängengeblieben.

Warum?

Pirchner: Es war toll für mich, mein Hobby – zunächst – zum Nebenberuf machen zu können. Das war der Beginn meiner beruflichen Entwicklung.

Die Sie dann ins Fernsehen geführt hat.

Pirchner: Aus einem Zufall heraus, geplant war das nicht. Die damaligen Moderatoren Helmut Krieghofer und Gudrun Seelos waren krank bzw. nicht verfügbar, also hat der Chefredakteur Joschi Kuderna mir einen Tag vor meiner ersten Sendung mitgeteilt, dass ich das als Einspringer machen würde. Am 8. 8. 1988 habe ich meine erste „Tirol Heute“-Sendung moderiert.

Sie sind im Laufe der Jahre zu einer ORF-Allzweckwaffe geworden, es gibt vom Sport bis „Zeit im Bild“ und alles, was an Magazinen und Showmoderationen dazwischenliegt, fast nichts, was Sie nicht gemacht haben.

Pirchner: Ich hatte das Glück, immer gefragt worden zu sein. Es ist ein Wunder, dass mich die Leute schon seit bald 25 Jahren aushalten.

Sie kokettieren.

Pirchner: Nein, gar nicht, ich meine das tatsächlich so.

Warum sind Sie gut in Ihrem Beruf?

Pirchner: Bin ich das?

Sonst wären Sie vermutlich nicht mehr da.

Pirchner: Ich versuche, das nicht ständig zu hinterfragen. Offensichtlich reicht es bzw. ist es so, dass es mehr Leuten gefällt, was ich mache, als es nicht gefällt. Ein kleines Geheimnis ist vielleicht, dass ich mich im Reifezustand immer mehr einer Authentizität annähere. Das kann man mögen oder nicht. Ich nehme mich und meine eigene Rolle nicht so wichtig.

Wer sorgt dafür, dass Sie nicht mehr das Fernsehgesicht sind, wenn Sie Ihre eigene Haustüre hinter sich schließen?

Pirchner: Ich selbst. Die eigene Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit ist sehr relativ. Ich habe ein Leben außerhalb des ORF und das ist mir eindeutig das wichtigere Leben.

Sie behaupten, auch wenn Sie ganz ehrlich zu sich selbst sind, dass Sie ohne Fernsehen leben könnten?

Pirchner: Ich könnte aus wirtschaftlichen Gründen nicht ohne meinen Job leben. Aber für mein seelisches Wohlbefinden brauche ich die Bildschirmpräsenz nicht. Ich habe nicht die Eitelkeit, mich übers Fernsehen zu definieren. Und wenn ich das ORF-Zentrum verlasse, denke ich nicht mehr an den ORF.

Sie nehmen die Arbeit nicht mit nach Hause?

Pirchner: Nein, das konnte ich schon vor meiner Ausbildung zum Mentalcoach gut. Jetzt verfüge ich halt über professionellere Abgrenztechniken.

Es gab eine Zeit in Ihrem Leben, in der die geschmeidige Fernsehfassade nichts mehr mit Ihrem tatsächlichen Befinden zu tun hatte. Was war passiert?

Pirchner: Es war zu viel. In jeder Hinsicht. Das hat sich in Panikattacken und Angstzuständen geäußert. Dazu muss man stehen und etwas unternehmen, was ich getan habe, indem ich mir professionelle Hilfe gesucht habe. Heute bin ich froh über die Erfahrung, dass das Leben nicht immer nur himmelhochjauchzend ist. Ich sag’ so: Wenn heute etwas superlässig ist, übertreibe ich es nicht, und wenn etwas nicht so funktioniert im Leben, dann bin ich auch nicht zu Tode betrübt. Ich habe die Amplituden ein bisschen abgefedert.

Ist das eine Alterserscheinung?

Pirchner: Eigentlich mache ich das schon lange so. Man muss sich und die Dinge des Lebens in der richtigen Dosis wichtig nehmen. Es dreht sich nicht alles um mich, aber man muss sich selbst insofern mehr beachten, als man herausfinden muss, wie man seine Lebensqualität steigern kann.

Warum haben Sie damals öffentlich gemacht, dass es Ihnen schlecht ging?

Pirchner: Auch das war ungeplant. Ich hatte in einer „Willkommen Österreich“-Sendung eine junge Frau zu Gast, die über ihre Panikattacken sprechen sollte. Sie sagte einleitend: „Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie das ist.“ Worauf ich vor laufender Kamera in der Live-Sendung vor 800.000 Zuschauern entschied zu sagen: „Das kann ich sehr wohl.“ In dem Moment haben sich die Rollen vertauscht, das war mein Outing. Danach habe ich Hunderte Zuschriften von allen möglichen Menschen, auch Kollegen aus dem ORF, bekommen.

Persönliche Probleme solcher Art öffentlich zu machen, heißt, sich sehr verletzlich zu machen.

Pirchner: Und das ist auch gut so. Ich bin ja verletzlich. Viele Leute haben mir gesagt, das sei so „mutig“ gewesen, darüber zu sprechen. Aber mit Mut hat das überhaupt nichts zu tun. Mutig wäre, mein Leben zu riskieren, um meine Frau und meine Kinder zu retten.

Sie haben sich mittlerweile als Mentalcoach ein zweites berufliches Standbein geschaffen. Sind Sie das aufgrund Ihrer eigenen Therapieerfahrung angegangen?

Pirchner: In meiner Therapie habe ich gelernt, dass du nur durch die Veränderung der Bilder in deinem Kopf deine Lebensqualität entscheidend verbessern kannst. Das gab den Ausschlag für mich, die wirklich schwierige, zeitraubende und selbsterkenntnisintensive Ausbildung zu machen – sinnigerweise in Bregenz am Mentalcollege, was bedeutete, dass ich zweieinhalb Jahre lang von meinem Wohnort am Neusiedler See an den Bodensee pendelte. Aber ich hab‘s durchgezogen und vor einem Jahr die Ausbildung abgeschlossen.

Die Nachfrage nach Ihren Coachings dürfte sich erhöht haben, seit die Moderatoren in jeder „Dancing Stars“-Show mehrmals erwähnen, dass Sie auch Mentalcoach sind.

Pirchner: Ich habe sie gebeten, das künftig zurückhaltender anzulegen. Ich bin nämlich für das nächste Dreivierteljahr ausgebucht. Mehr als jetzt geht nicht, weil mir auch meine eigene Freizeit wichtig ist und mir außerdem meine Frau und meine Kinder aufs Dach steigen würden.

Sie haben zu Beginn unseres Gesprächs von Ihrer Unterhaltung mit Ihrem Generaldirektor erzählt. Angenommen, Alexander Wrabetz spielte gute Fee und sagte: „Wolfram, such dir was aus – welchen Job auch immer du machen möchtest, er gehört dir.“ Was wäre das, nach allem, was Sie schon gemacht haben?

Pirchner: Ich würde ihn bitten, es noch zwei, drei Jahre genau so zu lassen, wie es mit „Heute in Österreich“ ist. Ich möchte keine Hauptabendsendung, keine Talkshow ...

Und dann?

Pirchner: Keine Ahnung. Weiter als ein paar Jahre voraus denke ich nicht.


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