„Letztlich bin ich eine sehr teure Leihbücherei“

Der Innsbrucker Dieter Tausch ist der neue Präsident der österreichischen Antiquare. Das Buch ist für ihn tot, seine Kunden werden immer jünger.

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Sie sind der erste „Zunftmeister“ der österreichischen Antiquare, der nicht aus Wien kommt. Ist das ein Zeichen für den Niedergang?

Dieter Tausch: Nein, das glaube ich nicht. Obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass das Internet den Tod des gedruckten Buches zwischen zwei Deckeln bedeutet und zwar für immer und ewig. Auch des antiquarischen.

Obwohl mehr denn je Bücher produziert werden.

Tausch: Trotzdem. Die Umsätze der Buchhandlungen steigen zwar mühsam mit ein, zwei Prozent pro Jahr, die Buchanteile sinken aber um vier bis sechs Prozent. Die Umsätze werden heute mit Kalendern, Fotoalben, kleinen Geschenken, letztlich mit Non-book-Dingen gemacht. Denn gelesen werden E-Books.

Auch von Ihnen?

Tausch: Nein, das kommt für mich überhaupt nicht in Frage.

Welche Konsequenz hat der Tod des Buches für den Antiquar­?

Tausch: Umsatzmäßig war der vergangene Dezember unser bester seit zehn Jahren. Der Umsatz mit Büchern betrug allerdings magere 450 Euro. Als ich 1979 mein Antiquariat eröffnet habe, habe ich 80 bis 90 Prozent des Umsatzes mit Tyrolensien gemacht, heute höchstens fünf Prozent. Papierantiquitäten und Ephemera aller Art erleben derzeit aber eine Renaissance. Plakate, Grafiken, Zeichnungen, Bilder, Aquarelle. Glückwunsch-, Menükarten sind gefragt wie schon lange nicht mehr.

Also auch alte Bücher werden nicht mehr gekauft. Obwohl es diese doch zum größten Teil nicht elektronisch gibt.

Tausch: Das ist ein Irrtum. Man kann sich um wenig Geld die seltensten Bücher, die in den wichtigsten Bibliotheken der Welt stehen, ausdrucken und schicken lassen.

Ist diese Entwicklung für Sie traurig?

Tausch: Ich will und kann das, was sich da im Moment abspielt, nicht beurteilen. Auch zu Zeiten, als Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, wird es sicher Leute gegeben haben, die mit diesem für sie modernen Glump nichts zu tun haben, sondern an den wunderbar illuminierten Handschriften festhalten wollten. Und so eine Zäsur gibt es jetzt halt wieder.

Was gilt heute als antiquarisch? Wie alt bzw. jung muss ein Objekt sein?

Tausch: Das beginnt mit Handschriften aus dem 13. Jahrhundert und hört immer später auf. In meinen Anfängen war alles, was nach den Zwanzigerjahren entstanden ist, praktisch unverkäuflich. Heute sind schon Plakate aus den Achtzigerjahren antiquarisch gefragt oder Fotos, die erst ein paar Jahre alt sind.

Wer sind Ihre Kunden?

Tausch: Das Durchschnittsalter ist auf ganz erstaunliche Art und Weise gesunken. Heute kommen ganz junge Leute, die für Gleichaltrige Sachen aus dem 19. oder 20. Jahrhundert kaufen. Besonders gefragt sind Fotografien oder Plakate von Orten, die in eine Welt entführen, die so ganz anders ist als die von heute. Eine Übersättigung mit medialer Information hat damit sicher zu tun, kleine Fluchten in nostalgische Gefühle. Aber auch eine schöne Erstausgabe von Josef Roth oder Franz Kafka findet noch heute ihre Liebhaber.

Wo finden Sie Ihre Ware, die flache wie die zwischen zwei Deckel gebundene?

Tausch: Je älter ich werde, umso mehr kaufe ich das wieder zurück, was ich einmal verkauft habe. Man hilft als Antiquar dabei, Sammlungen aufzubauen, und nach etlichen Jahren kommen dann die Erben, die an dem Gesammelten kein Interesse haben. So ist das ein ewiger Kreislauf. Letztlich bin ich eine Leihbücherei, eine sehr teure, sagt meine Frau immer.

Viele Antiquare leisten sich kein eigenes Lokal mehr, arbeiten von zu Hause aus per Internet. Wäre das eine Option für Sie?

Tausch: Nein, davor gehe ich putzen. Denn das Meiste, das ich weiß, habe ich von meinen Kunden gelernt. Wie Dracula das Blut, brauche ich den Kontakt mit dem Sammler.

Sie sind auch Galerist. Ist das ein Hobby oder ein zweiter Geschäftszweig?

Tausch: Das ist ein Hobby. Da ich aber meine Räume für die Flachware, von der ich lebe, brauche, kann ich jährlich nun nur noch zwei Ausstellungen machen. Abwechselnd von sechs Künstlern, drei Damen und drei Herren.

Was hat Sie geritten, sich als Präsident der österreichischen Antiquare zu engagieren­?

Tausch: Ich war von 2002 bis 2006 bereits Funktionär im internationalen Verband der Antiquare. Als einziger Nichtpräsident eines nationalen Verbandes. Damals habe ich unzählige höchst interessante Kollegen kennen gelernt, und um sie nun bei Meetings in aller Welt wiederzutreffen, ist das Präsident-Sein ein schöner Nebeneffekt.

Sie sind ein Ein-Mann-Antiquariat. Ganz bewusst?

Tausch: Ein Antiquariat lebt immer nur von einer Person. Da geht es um Vertrauen. Und so werde ich weitermachen, bis sie mich im Holzpyjama aus meinem Gewölbe hinaustragen.

Das Gespräch führte Edith Schlocker


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