Darabos droht zweiter Fall Entacher

Die pikante Abhöraffäre rund um die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) mutiert zur Schlammschlacht mit Opfern. Die unabhängige Rechtskommission schlägt nach ihrer Enthebung zurück.

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Von Gerd Millmann und Florian Madl

Wien –Sportminister Norbert Darabos kennt das Szenario hinlänglich. Ihm droht eine zweite Causa Entacher, doch diesmal im Sportressort. Zur Erinnerung: In seiner Funktion als Verteidigungsminister hatte der Burgenländer Generalstabschef Edmund Entacher im Jänner 2011 abgesetzt, im November 2011 spazierte der General wieder in sein Büro. Die Absetzung sei formal nicht korrekt gewesen.

Wiedereinsetzung: Gut möglich, dass auch die vergangenen Freitag abgesetzten Mitglieder der Rechtskommission der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) wieder in Amt und Würden gelangen, weil deren Absetzung formal unkorrekt war. Die beiden Spitzenjuristen der Kommission schärfen jedenfalls schon ihre Paragraphen-Klingen:

Vorverurteilung: Alois Schittengruber, hochrangiger Jurist im Bundeskanzleramt, besteht auf einer schriftlichen Enthebung durch den dazu bevollmächtigten Leiter der NADA, Andreas Schwab. Diese wiederum ist nur aus „wichtigen Gründen“ möglich. Eine mediale Vorverurteilung ist aber sicher kein wichtiger Grund, so Schittengruber.

Rechtsweg: Sein ehemaliger Kollege Gernot Schaar – er leitete die Kommission bis zur Enthebung – lässt sich rechtliche Schritte offen. „Jetzt sehen wir einmal, welche Antwort wir bekommen, dann werden wir reagieren.“ Nachsatz: „Ich habe Football gespielt, auch da ist die Partie erst mit dem Abpfiff beendet. Und wir sind erst bei der Aufstellung.“

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Imageschaden I: Eine mögliche Wiedereinsetzung der Kommission aus rechtlichen Gründen wäre für den Sportminister ein arger Imageschaden. Insider vermuten hinter der überraschenden „Kündigungswelle“ durch Darabos Druck seitens des Österreichischen Skiverbands und dessen Medienpartner. ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel hatte die Richter als „befangen“ abgelehnt.

Manipulationsverdacht: Aber nicht nur dem Sportminister droht ein NADA-Problem. Auch der wegen Dopings gesperrte Langlauf-Olympiasieger Christian Hoffmann muss mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft rechnen, weil er die geheime Verhandlung über seine Sperre angeblich aufgenommen und teilweise veröffentlicht hat. Und Gernot Schaar, geschasster Leiter der Kommission, glaubt, dass die in Medien veröffentlichten Gesprächsprotokolle manipuliert worden seien. Schließlich sei ja nur ein Transkript der Geheimaufnahmen an die Öffentlichkeit gelangt, nicht aber die Aufnahme selbst. Mit ihrer Wiedereinsetzung werden sich die honorigen Mitglieder der Rechtskommission aber nicht zufriedengeben. „Uns ist ja auch ein Imageschaden entstanden“, so Jurist Schaar.

Neuwahl: Geschädigt ist in jedem Fall die Institution selbst, die NADA nämlich. Sie ist im Olympiajahr führungslos, zumal ihr Geschäftsführer Schwab nur noch bis zur Wahl eines Nachfolgers bleiben will. Und die kann dauern. In den kommenden Tagen soll eine Generalversammlung der NADA einberufen werden, und die wird erst im Mai stattfinden. Vertreter des Bundes, der Bundesländer, der Bundessportorganisation BSO und des ÖOC müssen sich dort über einen NADA-Chef und eine Rechtskommission einigen – oder erst über den Modus dafür.

Nach den aktuellen Erfahrungen wird es nicht leicht sein, versierte Juristen und Mediziner für die Rechtskommission zu finden. Ebenso schwierig wird die Wahl eines anerkannten NADA-Chefs, der tatsächlich unabhängig arbeiten kann.

Kandidaten: Wilhelm Lilge, der international anerkannte Anti-Doping-Kämpfer, wäre wohl ein deutliches Zeichen. Tatsächlich hat es Lilge ja 2008, bei der Gründung der NADA, unter die letzten drei Bewerber für den Leiterposten geschafft. Beim entscheidenden Hearing wurde ihm Andreas Schwab vorgezogen. Doch vor allem zwei Gründe sprechen gegen Lilges NADA-Engagement: Erstens will der Wiener als Lauf-Nationaltrainer mit seinen Athleten zu den Olympischen Spielen nach London fahren. Das wäre mit einem Job als NADA-Chef nicht vereinbar. Und zweitens gilt Lilge als „harter Hund“ mit viel Hintergrundwissen im Anti-Doping-Kampf. Nicht alle Verbände sollen mit dieser Haltung einverstanden sein.

Imageschaden II: Geschädigt ist auch der heimische Sport. Von Vorbereitung auf Olympia kann keine Rede sein, international hat Österreich wieder ein Problem. Diesmal nicht mit den Dopern, sondern mit den Dopingjägern. Die Mühlen der Justiz arbeiten, die Causa NADA droht ein ähnlich nicht enden wollendes Thema zu werden wie die gescheiterte Olympia-Bewerbung Salzburgs: „Wir haben eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft geschickt“, informiert Jurist Schaar. „Das war aber erst der erste Schritt.“


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