Die trockene Seite des Kusses

Innigste Form der Romantik oder schlichtweg Virenaustausch – jeder verbindet Küssen mit anderen Gedanken. Wenige befassen sich mit der Forschung dahinter – obwohl die ähnlich facettenreich ist wie der Kuss selbst.

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Von Judith Sam

Wenn Sie das nächste Mal einen Hund sehen, der am Popo eines vierbeinigen Kollegen schnuppert, werden Sie vielleicht ans Küssen denken. Diese Assoziation ist nämlich gar nicht weit hergeholt: Unsere Form des Kusses ist ein Derivat der Hunde-Schnüffelei. Diese Erkenntnis verdanken wir Philematologen – Kussforschern, die sich mit der trockenen Wissenschaft zur feuchten Handlung befassen. Deren Studien belegen etwa, dass Küssen nicht immer etwas Positives sein muss. Judas verriet Jesus durch einen Kuss. In Wagners Oper saugt Isolde durch einen Kuss die letzte Luft aus Tristans Lungen. Der historische Fußkuss war eine Geste der Untertänigkeit.

Auch im Alltag assoziiert nicht jeder Gutes mit der Lippenberührung. Laut einer Studie der Sexualwissenschafterin und Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld küsst etwa jeder Zehnte nicht gern. Die Studie ergab weiter, dass das Küssen viel intimer sei als vermutet – die Befragten antworteten sehr gehemmt und verschlossen. Eine überraschende Erkenntnis, da die Revolution des Kusses laut Ebberfeld bereits große Fortschritte gemacht hat: „Filmküsse aus dem letzten Jahrhundert wurden nur angedeutet. Das Paar küsste sich erst am Ende des Films, wenn sie sich endlich erobert hatten und wandte sich dabei beinahe beschämt von der Kamera ab.“ In den 60er-Jahren gab es sogar eine Zensurstelle in Hollywood, die sich nur mit Kussszenen befasste. Liebende durften sich nur stehend küssen, Zungen zu sehen war verpönt und die Dauer eines Kusses strikt begrenzt.

In der heutigen Filmwelt habe im Vergleich dazu eine Entzauberung Einzug gehalten: „In einem Tatort-Krimi küssen sich die Darsteller nicht auf den Mund, sondern tauchen gewissermaßen gleich ab.“

Man könnte meinen, all diese Kussregeln und -normen seien überspitzt. Doch abseits der Zelluloidwelt war das Küssen noch viel verzwickter: „Im Mittelalter wurde einem Lehnsmann sein Besitz genommen oder er wurde gleich des Landes verwiesen, wenn er die Frau eines anderen küsste.“ Die Jungfräulichkeit wäre damals nämlich schon als Folge eines Kusses verloren gewesen. Ein Job als Galeerenruderer drohte dem, der Frauen gar ohne ihr Einverständnis küsste.

„Von kirchlicher Seite wurde das Thema natürlich auch diskutiert. Küssen war erlaubt, wenn Frauen damit versuchten, dem Mann das Kindererzeugen schmackhaft zu machen“, gibt Ebberfeld die hölzerne Formulierung wieder. Der Friedenskuss, den heute der Pfarrer auf den Kelch mit Wein platziert, wurde früher unter den Kirchenbesuchern ausgetauscht. Allerdings nur, solange die Geschlechter strikt getrennt saßen. Sobald Männer neben Frauen saßen, wurde er untersagt, denn dann wäre die Botschaft des Kusses vermutlich nicht in erster Linie die des Friedens gewesen.

Nicht nur historisch, auch geographisch unterscheiden sich laut Ebberfeld die Formen des Küssens drastisch: „Jede Kultur hat ihre eigene Vorstellung von Sinnlichkeit. Was uns gefällt, erklärt ein Buschmann für verrückt.“ In Neuguinea fielen Forschern etwa die auffallend kurzen Wimpern vieler Jugendlicher auf. Das Phänomen wurde rasch erklärt: Verliebte knabbern sich als Liebesbekundung statt des Kusses gegenseitig die Wimpern ab. Im 18. Jahrhundert war in Frankreich der elektrische Kuss modern. Bei noblen Partys war die Empfangsdame an eine „Elektrisiermaschine“ angeschlossen und gab den Besuchern funkensprühende Begrüßungsküsse. In Indien und bei den Maori schätzt man es auch heute noch konservativer: Dort zeigt man seinem Gegenüber seine Liebe durch einen Nasenkuss.

Laut Ebberfeld gibt es zwei Probleme bei der Kussforschung: „Es existieren nur wenige historische Aufzeichnungen über das Küssen. Meist wurde es nur am Rande erwähnt, wenn man andere Themen beschrieb.“ Außerdem wäre die Sexualforschung eher männlich ausgerichtet: „90 Prozent dieser wissenschaftlichen Arbeit wird von Männern gemacht. Die haben anderes Interesse an Sexualität als Frauen und widmen sich weniger dem Küssen als anderen Aspekten.“


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