Keim des Lebens auf der Spur

2009 erhielt Ada Yonath den Chemie-Nobelpreis. Bei einem Innsbruck-Besuch erzählte sie, warum sie mit 72 Jahren immer noch eine neugierige Forscherin ist.

  • Artikel
  • Diskussion

Frau Yonath, Sie haben den Nobelpreis erhalten, weil es Ihnen gelungen ist, die Struktur von Ribosomen zu entschlüsseln. Stimmt es, dass Sie von anderen Wissenschaftern lange wegen Ihrer Arbeit als Träumerin, Verrückte oder Lügnerin bezeichnet wurden?

Ada Yonath: Ja. Und das war nicht gerade schmeichelhaft und es war auch nicht angenehm, in so einer Atmosphäre zu arbeiten. Aber es haben damals nur wenige Leute verstanden, was wir gemacht haben. Und ich habe gewusst, dass wir Fortschritte machen.

War es dann eine besondere Genugtuung, den Nobelpreis zu erhalten?

Yonath: Das war natürlich doppelt so nett (lacht). Aber die echte Aufregung war die Entdeckung. Ich konnte nicht mehr schlafen und habe von der Struktur geträumt. Ich war in einer anderen Welt. Dieses Hochgefühl bei der Arbeit ist der wirkliche Preis.­­

Warum war es Ihnen so wichtig, Ribosomen – die Protein-Kraftwerke der Zelle – sichtbar zu machen? Sie haben ja bereits 1980 mit Ihrer Arbeit angefangen.

TT-ePaper gratis lesen und Weber-Grill gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Yonath: Ich war neugierig. Und ich wollte fundamentale Prozesse – Lebensprozesse – verstehen. In einem kleinen Land wie Israel oder Österreich sind die Chancen auf große Forschung gering. Also habe ich mir eine Nische gesucht. Als ich angefangen habe, wusste ich nicht, durch was ich später durchmuss. Es hat geheißen, dass es unmöglich sei, Ribosomen zu kristallisieren. Aber nur wenn man die Struktur kennt, kann man verstehen, wie etwas funktioniert. 1980 hat es etwa 20 wissenschaftliche Arbeiten zu Ribosomen pro Jahr gegeben. Seit die Struktur bekannt ist, sind es etwa 1000 jährlich.

Woran arbeiten Sie gerade?

Yonath: Wir haben von Anfang an an den Ribosomen von Bakterien gearbeitet, u. a. weil das auch für die Entwicklung von neuen Antibiotika interessant sein kann. Wir versuchen die Logik zu finden, wie Antibiotika wirken, damit man dann spezifische Wirkstoffe finden kann.

Das war für die Pharmafirmen lange ein Feld, das sie nicht besonders interessiert hat, da Antibiotika nicht viel Geld bringen. Aber mit dem Zunehmen von Resistenzen ändert sich das. Außerdem interessiert­ mich noch ein ganz kleiner Teil des Ribosoms, der – das glauben wir zumindest – schon existiert hat, bevor es Leben auf der Erde gegeben hat.

Die Keimzelle des Lebens also. Sie sind jetzt 72 und könnten auch an Ruhestand denken. Es gibt zurzeit eine große Diskussion darüber, wie lange Menschen arbeiten sollten bzw. müssen. Wie denken Sie darüber?

Yonath: Jemanden nur aufgrund seines Alters zu diskriminieren, ist nicht besonders clever. Die Leute sollten arbeiten­, solange sie produktiv sind.

Aber wenn man den Nobelpreis erhalten hat, könnte man doch eigentlich sagen: Ich habe alles erreicht. Jetzt möchte ich nur noch die Füße hochlegen.

Yonath: Auf diesen Moment warte ich schon die ganze Zeit (lacht). Aber noch ist er nicht gekommen. Und als Nobelpreisträgerin gibt man mir auch die Möglichkeit, weiterzuarbeiten, obwohl ich das Pensionsalter schon erreicht habe.

Sie sind erst die vierte Frau, der man den Nobelpreis für Chemie verliehen hat. Sie wandeln damit u. a. in den Fußstapfen von Marie Curie­. Ein gutes Gefühl?

Yonath: In ihren Fußspuren zu arbeiten ist okay. Aber das wäre es für mich auch als Mann. Wissenschaft ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Ergebnisse.

Das Interview führte Christian Willim


Kommentieren


Schlagworte