Das glänzende Grauen der Renaissance

Jordi Savall beschwört am Beispiel der Borgias das Spannungsfeld von Glauben und Macht.

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Innsbruck –Eigentlich ist mit Orson Welles‘ kunstgeschichtlichem Exkurs in „Der dritte Mann“ schon alles gesagt: „Im Italien unter den Borgias herrschte jahrzehntelang lang Terror und Mord, aber die Zeit brachte Michelangelo und die Renaissance hervor.“ Fast alles: Welles vergisst – wie viele vor und nach ihm – die Musik. Eine Musik, an der sich die Vielschichtigkeit der Epoche ablesen lässt: sakrale Tradition, aber auch beherzte Aufbrüche, frommes Gottvertrauen und tiefgreifende Glaubenserschütterungen, der höfische Pomp und das Elend des gemeinen Volks.

Der katalanische Gambist Jordi Savall hat sich der Musik aus dieser Zeit des Übergangs zum Mittelalter in die Neuzeit schon vor Jahren verschrieben. Er gilt – völlig zu Recht – als einer der bedeutendsten und folgenreichsten Verfechter Alter Musik und historischer Aufführungspraxen. Wie schon einige vorhergehende Werke funktioniert auch Savalls Auseinandersetzung mit der „Dynastie Borgia“, die er am Montag im Rahmen des Osterfestivals Tirol zur Aufführung brachte, nach dem Prinzip der Collage. Verschiedene Musikstücke werden gesammelt und in eine zusammenhängende Form gegossen, ohne dass sie dadurch ihre Einzigartigkeit verlieren würde. So entstehen Klang- und Denkräume: Die Stücke bilden nicht nur ein narratives Gerüst für die Darstellung des mit Leichen gepflasterten Weg des Borgia-Clans, sondern sie kommentieren auch einander.

Was Savall zusammen mit seiner Frau, der im November vergangenen Jahres verstorbenen Montserrat Figueras, die am Konzept von „Die Borgia“ mitarbeitete, vorschwebte, war der Entwurf eines Sittengemäldes. Eines – wenn man so will – musikalischen Zeitbildes, in dem prominente Zeitgenossen wie Machiavelli oder Luther ebenso zum Zug kommen, wie in Vergessenheit geratene Fundstücke unbekannter Herkunft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Themen Macht und Glaube, die sich bei den ebenso gottesfürchtigen wie berechnend blutrünstigen Borgias beinahe exemplarisch treffen.

Musikalisch erweist sich Jordi Savall – erwartungsgemäß – ganz auf der Höhe seiner Kunst. Mit den meisten Mitgliedern des Ensemble Hesperion XXI und der Capella Reial de Catalunya arbeitet er seit Jahren zusammen und das hört man auch: Klang und Einsätze stimmen punktgenau, das Zusammenspiel wirkt wie aus einem Guss. (jole)


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