Dem Fuß seinen Lauf lassen

Weniger ist mehr, lautet die Devise neuerdings bei Laufschuhen. Warum Dämpfung bei so genannten Natural-Running-Schuhen kein Thema ist und was das natürliche Laufen bringen soll.

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Von Irene Rapp

Innsbruck –„Dämpfen. Stützen. Führen.“ Noch bis vor wenigen Jahren wurden Laufschuhe unter Berücksichtigung dieser drei Punkte entwickelt. Galt es doch vor allem, den beim Aufprall auf den Boden freiwerdenden Kräften auf den Bewegungsapparat und daraus resultierenden möglichen Verletzungen so gut wie möglich entgegenzuwirken.

„Die Verletzungshäufigkeit unter Laufsportlern hat sich jedoch in den vergangenen Jahren kaum geändert“, weiß Reinhard Kessler vom Innsbrucker Fachgeschäft Rückenwind. Seit Kurzem geht nun die Laufschuhindustrie wieder einen Schritt zurück: Die meisten der immer zahlreicher auf den Markt kommenden so genannten Natural-Running-Schuhe verzichten nämlich auf jegliche Dämpfungs- und Stabilitätselemente – „um das natürliche Bewegungsverhalten des Fußes und damit die Stabilität des Körpers so wenig wie möglich zu beeinflussen“, wie Kessler betont.

Was die „neuen“ von den „alten“ Schuhen unterscheidet, ist u. a. die so genannte Sprengung – sprich das Verhältnis der Zwischensohlenhöhe von Ferse bis zum Vorfuß: Beim Natural-Running-Schuh beträgt dieser Unterschied vier bis acht, beim klassischen Laufschuh 10 bis 14 Millimeter. „Man kommt dadurch stärker am Mittelfuß bzw. am Vorfuß auf, was u.a. eine andere Hebelwirkung auf nachgelagerte Gelenke wie Sprunggelenk oder Knie zur Folge hat“, beschreibt Kessler das Laufen mit den Natural-Running-Schuhen. Was ebenfalls bei den neuen Schuhen auffällt: „Sie sind vom Gewicht her leichter, zudem in alle Richtungen biegsamer“, erklärt Mario Glatz vom Sportgeschäft Intersport im Kaufhaus Tyrol.

Was dieser Schuh-Minimalismus bewirken soll? „Der Fuß wird bei dieser Art des Laufens mehr gefordert“, sagt Kessler. „Die Fußmuskulatur wird mehr beansprucht, was sich auf den gesamten Bewegungsapparat auswirkt. Der Schuh vermittelt ein neues Freiheitsgefühl“, weiß Glatz aus eigener Erfahrung. Weswegen der eine oder andere Läufer, der die ersten Male mit Natural-Running-Schuhen unterwegs ist, einen Muskelkater bekommen kann. Immerhin muss die laut Kessler bislang kaum trainierte Muskulatur im Fuß erstmals verstärkt Halt und Stabilität geben. Und so ist die Frage Natural-Running- oder klassischer Laufschuh wohl die falsche, die sich ein Hobbyläufer stellen kann. „Es wird auf ein ,sowohl als auch‘ hinauslaufen“, rät Kessler ebenso wie Glatz, die Schuhe abwechselnd zu benutzen.

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Weitere Tipps der Experten: Laufanfänger sollten zunächst mit klassischen Laufschuhen starten. Passionierte Freizeitläufer wiederum dürfen die ersten Laufeinheiten mit dem Natural-Running-Schuh nicht übertreiben, um den anfänglich noch schwachen Fuß nicht mehr zu schaden, als zu nützen. In den Lauf eingebaut werden sollten zudem diverse Übungen – wie Kniehebelauf, Anfersen oder Sprünge.

Das Thema Laufschuh-Neu ist jedoch bereits beim Endverbraucher angekommen. „Die Kunden greifen immer mehr darauf zu. Und wenn sie die Schuhe nicht zum Laufen tragen, dann in der Freizeit“, berichtet Glatz. Die Antwort, ob Natural-Running-Schuhe wirklich die besseren Laufschuhe oder doch nur eine Marketing-Strategie der Laufschuhindustrie sind, wird es aber wohl erst in einigen Jahren geben.


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