Anonyme Liebesbriefe

Audrey Tautou spielt in Pierre Salvadoris leichter Sommerkomödie „Bezaubernde Lügen“ einmal mehr die naive Friseurin.

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Von Peter Angerer

Innsbruck –Mit „Tee im Harem des Archimedes“ verfilmte der Autor Mehdi Charef 1985 seinen eigenen Bestseller über das Leben in den Pariser Vororten. Zwei seiner jugendlichen Helden erhalten den Auftrag, einen „Dubuffet“ zu stehlen. Die Einbrecher sehen aber nicht das Bild von Jean Dubuffet, sondern nur einen Buffetschrank, den sie mühsam auf die Straße schleppen. Hier hätte die beschworene Förderung so genannter bildungsferner Schichten Mühe bei der Arbeit und Spott durch den Auftraggeber ersparen können. Mehdi Charefs wunderbare Tragikomödie hat das französische Kino für die Geschichten aus den Banlieues geöffnet. Die Komödie „Ziemlich beste Freunde“, ein Film im Stil von Charef, brach im vergangenen Jahr sogar alle französischen Einspielrekorde. Aus dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebensweisen und Kulturen ist so etwas wie ein eigenes Genre entstanden, wobei die Überwindung traditioneller Vorurteile die Botschaft ist, aber auch die Komik ausmacht. Es gilt dabei als ausgemacht, dass sich in diesem mehr oder weniger komischen Klassenkampf der Zuwanderer anpassen muss.

In Pierre Salvadoris leichter Sommerkomödie „Bezaubernde Lügen“ haben sich die Verhältnisse verkehrt. Jean (Sami Bouajila) entspricht als Hausmeister auf den ersten Blick dem Klischee des algerischen Zuwanderers. Im Frisiersalon von Émilie (Audrey Tautou) ist er für Glasbruch, Schmutz und Elektrik zuständig. Doch der Handwerker ist ein Intellektueller, der in fast allen Sprachen zu Hause ist und nach einem Nervenzusammenbruch die Stabstelle bei der UNO gegen den ruhigen Rhythmus in der südfranzösischen Hafenstadt Sète getauscht hat. Noch schöner wäre das Leben mit Émilie, aber Jean gibt sich mit einem Liebesbrief zufrieden. Émilie ist nicht gerade eine geübte Leserin, doch sie erahnt in diesem Brief eine romantische Qualität, die ihre Mutter Maddy (Nathalie Baye) aus dem dunklen Loch einer Depression ziehen könnte, in das sie nach dem neuen Familienglück ihres Ex-Mannes gefallen ist. Nach allen Regeln der Verwechslungskomödie muss jede Figur einige Verwandlungen durchmachen, bis sich die schlimmsten Wogen der Gefühle glätten lassen.

Pierre Salvadori ist mit „Bezaubernde Lügen“ eine süße Nichtigkeit von einem Film gelungen, der zur Gänze von der angenehmen Präsenz seines Stars zehrt. Audrey Tautou, seit „Die fabelhafte Welt der Amélie” (2001) sozusagen die Prinzessin der guten Laune, stürzt sich auch als Émilie mit Verve in die komplizierten Aufgaben einer von Komplexen gejagten Friseurin.


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