Winterreisen und Après-Ski-Wahnsinn

Elfriede Jelinek ließ sich für ihr jüngstes Theaterwerk „Winterreise“ von Wilhelm Müller und Franz Schubert inspirieren. Die österreichische Erstaufführung am Akademietheater ist kompakt und frech.

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Von Sabine Strobl

Wien –Elfriede Jelinek scheint mit ihrem letzten Stück bei Regisseuren einen Drang zum körperlichen Kraftakt auszulösen. Bei der Uraufführung vergangenes Jahr in den Münchner Kammerspielen ließ Regisseur Johan Simons die Schauspieler gegen eine gigantische Windmaschine ankämpfen. Bei der österreichischen Erstaufführung vergangenen Donnerstag am Akademietheater versah der Schweizer Regisseur Stefan Bachmann die Schauspieler mit Klettergurten und schickte sie in die Wand.

Diese Bühnenwand von Olaf Altmann ist schwarz und verdammt steil. Da kann man nicht einfach gehen, man muss am Seil hängen. In der Mitte ist ein kreisrundes Loch, eine Anspielung auf die nackten Füße, die das Eis zum Schmelzen und Einbrechen gebracht haben. Ein Körperberg kommt aus dem Loch hervor, beschmuckt und doch nackt. „Ich stecke bis zum Hals im eigenen Scheitern“, meint der Körperberg leise spöttelnd (souverän Barbara Petritsch). So sieht das Lyrische Ich an diesem Abend aus, das – mit Schuberts einsamem Wanderer der Romantik im Hinterkopf – zur eigenen Winterreise antritt. Wie Jelinek sagt, beschreibt sie eine Reise der inneren, nicht der äußeren Bewegung. Das passt zur Nobelpreisträgerin, hat sie sich doch bereits in den 90er-Jahren zurückgezogen und teilt sich meistens übers Internet mit. Im Gerüst des Liederzyklus, den die Autorin einst am Klavier begleitet hat und der für sie eine gewisse Heimatlosigkeit symbolisiert, thematisiert Jelinek sich als Künstlerin. Sie geht weiter zu ihren Beziehungspersonen, der besitzergreifenden Mutter und dem psychisch erkrankten Vater. Unvermeidlich fällt ihr Blick auf die Gesellschaft, auf deren Gier, Neid, Sportlust und dümmliche Liebessehnsucht im Netz. Und unvermeidlich fällt das Ich wieder auf sich selbst zurück.

Regisseur Bachmann bringt den Text schön dosiert in zwei Stunden auf die Bühne, das Publikum holt er mit Humor, Ironie, kaum spürbarer Traurigkeit und schrägen Assoziationen ab. Für Zitate und Übergänge sind Felix Huber am Klavier und Jan Plewka als Sänger mit Mikrofon und rau-brüchiger Pop-Stimme zuständig und unabkömmlich.

Wie gesagt, haben die Schauspieler in dieser Inszenierung körperlich zu tun. (Starkes Team um Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann und Gerrit Jansen, Letzterer auch als Braut im Internet.) Der Skandal um die Hypo-Alpe-Adria-Bank wird in Geschäftskleidung absolviert. Da die Banker sich aber im rutschigen Gelände bewegen, stürzen sie ab. Kommt der Neid der fernsehgeilen Gesellschaft zur Sprache, wird die Bühne leer. Nur Stimmen ereifern sich über das Entführungsopfer Natascha Kampusch, das aus der Öffentlichkeit verschwinden soll. Das Thema Schuld verarbeitet Jelinek im Monolog des Vaters, den Mutter und Tochter in einer psychiatrischen Anstalt unterbringen.

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Es wird gelacht an diesem Abend. Extra dick aufgetragen ist das Finale, in der die alt gewordene Frau mit ihrer Leier gegen eine Après-Ski-Runde antritt. Jelinek hat ja etwas für Sport übrig. Also wird gerodelt, Ski gefahren und am Snowboard gerutscht. Es dröhnt aus den Pistenlautsprechern und mit rosa Skihose und blonden Zöpfen (Kostüme: Esther Geremus) lässt sich auch eine Leier anstimmen. „Hätte ich etwa auch Ski fahren sollen?“, meint das Lyrische Ich. Aber das ist nur eine rhetorische Frage und die Premiere eine beeindruckende.


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