Wehe, wenn sie losgelassen

Bei der Performance „Radical Wrong“ geht es ums Eingemachte. Der Zuseher ist Teil des anarchistischen Treibens.

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Innnsbruck –Sich zurücklehnen, im dunklen Zuschauerraum in der Masse verschwinden – das spielte es bei der Performance „Radical Wrong“, die am Mittwoch beim Osterfestival in Szene gesetzt wurde, nicht. Jede Sekunde läuft der Besucher Gefahr, von der Rolle des Zuschauers in jene des Mitwirkenden zu wechseln, ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Großzügig verteilt ein Tänzer 50-Euro-Scheine, die er später wieder zurückgefordert, schließlich bekommt einer der Zuseher etwas Einzigartiges geboten: Einen erotischen Tanz, der nur ihm gewidmet ist, während alle anderen Anwesenden mit einer „Fuck off“-Geste bedacht werden. Dass der Auserwählte darob ins Schwitzen gerät, ist ihm nicht zu verdenken.

Es ist auch diese Verunsicherung, die einen Reiz von „Radical Wrong“ ausmacht, der Performance des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus, mit der er alle Formen des gesellschaftlichen und choreografischen Zwangs aufhebt. Er und seine Company Ultima Vez spielen bis zur letzten Konsequenz damit, was es heißen würde, wenn junge Menschen sich Raum verschaffen und sich durchsetzen. Vandekeybus geht dabei so weit, dass er, wie er sagt, sich selbst zerstört, eine Performance schafft, in der er nicht mehr existiert. Die Tänzer teilen gehörig gegen ihren Sklaventreiber aus. Eine Blondine beschwert sich, dass sie immer die Naivchen spielen muss, ein Franzose, dass er zum Gebrauch der englischen Sprache genötigt wird.

Das Stück kreist um Sehnsüchte, Beschwerden und Begierden der jungen Menschen. Sie pfeifen darauf, sich so zu verhalten, wie es die Erwachsenenwelt von ihnen erwartet. Radikal geben sie ihre persönliche Geschichte preis. Ein Zeltlager – Assoziationen an Woodstock kommen auf – wird zu ihrem Treffpunkt. Die wilden polyglotten Charaktere suchen in mitunter gewalttätigen Kämpfen nach ihren nationalen, politischen, religiösen, sexuellen und familiären Identitäten. Voll Inbrunst gespickt mit viel Humor erzählen sie vielsprachig von ihren Frustrationen, Selbstsüchten, sexuellen Bedürfnissen.

Die sieben Tänzer agieren mit großer Intensität, sie sind kraftvoll, aggressiv, aber auch butterweich. Zum Schluss fordern sie noch eine Fuck-off-Geste des Publikums für den Choreografen ein. Der stürmische Applaus spricht eine andere Sprache. (pla)

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