Der Inbegriff der Katastrophe

Mit der Titanic sank nicht allein ein Schiff, sondern der Irrglaube der modernen Menschen, die Welt im Griff zu haben. Auch deshalb bewegt und warnt der Untergang der Titanic seit hundert Jahren.

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Von Floo Weißmann

New York –Das Heck der Titanic steigt hoch über dem eiskalten Nordatlantik auf, dann jagt es fast vier Kilometer tief ins Meer. Am 5. April 1912 um 2.20 Uhr morgens – 160 Minuten nach seiner Kollision mit einem Eisberg – schwappen die Fluten über dem damals größten und luxuriösesten Schiff der Welt zusammen.

Seitdem haben Journalisten, Forscher und Künstler dieses Ereignis fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Zum 100. Jahrtag erlebt die Titanic jetzt einen weiteren Boom – von wissenschaftlichen Symposien bis zur 3D-Fassung des Films von James Cameron, der für Hunderte Millionen Menschen die letzten Stunden auf der Titanic visualisierte. Doch was macht ausgerechnet den Untergang der Titanic zum Inbegriff der Katastrophe?

Es geht jedenfalls nicht um die Zahl der Opfer. Beim Untergang der Titanic starben etwa 1500 Menschen. In der Geschichte der Katastrophen bedeutet das bestenfalls einen mittleren Platz. Noch dramatischer fällt der Vergleich mit von Menschen beeinflussbaren Risiken aus, mit denen wir täglich leben. Gemessen an der Zahl der Opfer ereignet sich allein durch Hunger und die Folgen von Unterernährung höchstens alle 4,2 Stunden eine Titanic. Ähnliches gilt etwa auch für Krankheiten, Rauchen usw. (siehe Grafik).

Doch nur wenige Katastrophen lassen sich so gut verkaufen und bergen solche Symbolkraft wie der Untergang der Titanic. Denn mit ihr ist nicht allein ein Schiff gesunken, sondern „ein technokratischer Machbarkeitswahn. Das sichere Lebensgefühl einer ganzen Epoche wurde erschüttert“, bilanzierte der deutsche Philosoph Joachim Kahl. Überhaupt eignet sich die Seefahrt ganz besonders gut für Metaphern: Jemand ist ein Wrack oder reif für die Insel, er bricht zu neuen Ufern auf oder sitzt mit anderen im selben Boot.

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Noch wenige Jahrzehnte vor der Titanic war es laut den Innsbrucker Wirtschaftshistorikern Josef Nussbaumer und Andreas Exenberger ganz normal gewesen, dass ein Teil der Atlantik-Passagiere die Reise nicht überlebt. Doch dann kamen Dampfschiffe aus Stahl – mit der Titanic als Superstar, dem die Gefahren der Meere vermeintlich nichts mehr anhaben konnten. „Der Glaube an die Unsinkbarkeit war innerhalb von Stunden widerlegt“, meint Nussbaumer. „Der Mensch ist also doch nicht, was er zu sein vorgibt.“

Der fatale Irrglaube, die Welt kontrollieren zu können, sollte sich noch schlimmer rächen. „Es ist kein Zufall, dass zwei Jahre nach dem Untergang der Titanic der bis dahin größte Weltenbrand ausbricht“, sagt Exenberger. Und auf den Ersten Weltkrieg folgen innerhalb nur eines Jahrzehnts die Spanische Grippe und der Börsencrash. Kahl nennt die Titanic-Geschichte über Größenwahn und Untergang einen „Gründungsmythos des 20. Jahrhunderts“. Dieser „schlägt Leitmotive an, die die späteren Jahrzehnte erfüllt haben“.

Weitere symbolische Dimensionen der Titanic werden heute weniger wahrgenommen als vor hundert Jahren. Da ist zum einen der Untergang Großbritanniens als globale See-, Handels- und Industriemacht, repräsentiert durch die RMS Titanic. Und da ist zum anderen der Untergang der Religion als Quelle von Erklärung und Sinn. „Weder hat der Zorn Gottes die Katastrophe im Nordatlantik verursacht noch hat die Barmherzigkeit Gottes irgendein Lebewesen auf der Titanic vor dem nassen Tod bewahrt“, schreibt Kahl. Der moderne Mythos kommt also ohne Gott aus. Stattdessen geht es um die Untiefen der menschlichen Seele und um die Macht der Natur.

Die ganze Symbolkraft der Titanic wäre aber verloren ohne ihre Verkaufbarkeit. Schon der Aufbruch zur Jungfernfahrt von Southampton nach New York bescherte den Zeitgenossen ein Mediengroßereignis, an das die Berichterstattung über die Tragödie anknüpfen konnte. Verantwortlich dafür war u. a. der Promi-Faktor: An Bord der Titanic befanden sich einige der damals reichsten Menschen, sie zahlten nach heutigem Wert 70.000 Euro für eine Suite. Dazu kamen Schriftsteller, Maler, Modeschöpfer und Schauspieler. Man stelle sich zum Vergleich vor, einige der prominentesten Menschen unserer Tage kämen gemeinsam ums Leben.

Unter den Reisenden im Unterdeck waren aber auch zahlreiche arme Migranten, die in Amerika ein besseres Leben suchten. „Das Schiff wurde als Mikrokosmos der europäischen und amerikanischen Gesellschaft der Zeit gesehen“, meinte der nordirische Publizist John Wilson Foster. Auch deshalb taugt die Titanic als Symbol für eine Epoche oder für die Menschheit an sich.

Hundert Jahre später fungiert der Untergang des stolzen Schiffes noch immer oder wieder als Warnung. „Wir sind dem Ende des 19. Jahrhunderts viel näher, als wir glauben“, sagt Nussbaumer mit Blick auf den Glauben an Technologie und die Beherrschbarkeit der Welt. „Man tut oft so – etwa bei Atomkraftwerken –, als ob man die Probleme lösen könnte, wenn etwas passiert.“ Sogar der Name Titanic kann als Warnung dienen: Die Titanen der griechischen Mythologie waren kraftstrotzende Riesen, die dafür bestraft wurden, dass sie sich gegen Himmel und Erde­ aufgelehnt hatten.

Exenberger nennt als Beispiel für eine Titanic-Katastrophe des 21. Jahrhunderts auch einen Staatsbankrott in Europa. Das sei „eine historische Normalität, die man komplett vergessen hat“ – ähnlich wie die Zeitgenossen der Titanic nicht glaubten, dass ein derar­tiges Schiff noch sinken könne.

„Auf der ganz großen Ebene kann unser Wohlstand als Titanic gesehen werden“, sagt Nussbaumer. Beispielsweise würde nach nur zwei Tagen ohne Strom unser System zusammenbrechen, gibt Nussbaumer zu bedenken und sinniert: „Wartet schon der nächste Eisberg um die Ecke?“


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