Die geheimen Geschäfte eines griechischen Großbankiers

Milliarden erhalten Geldinstitute in Griechenland derzeit von europäischen Steuerzahlern. Der Chef der Piräus Bank, Michalis Sallas, soll sich laut einer Reuters-Recherche auf dubiose Weise bereichert haben.

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Von Stephen Grey / Reuters

Athen - Er ist der Chef einer der größten griechischen Banken, in deren Büchern zur Hochphase des Wirtschaftsbooms Kredite von über 35 Mrd. Euro standen. Sie ist eine hingebungsvolle Ehefrau, die über Stiftungen das soziale Engagement seiner Piräus Bank überwachte. Zusammen sind Michalis Sallas und Sophia Staikou ein Vorzeigepaar - ihr Erfolg steht beispielhaft für den Aufstieg einiger weniger Griechen in den Wachstumsjahren nach dem Beitritt zur Euro-Zone 2001. Doch wie eine umfangreiche Reuters-Recherche zeigt, scheinen Sallas und Staikou auch ein Symbol für die mangelnde Transparenz und die Missachtung der Regeln guter Unternehmensführung zu sein, die die Schuldenkrise in Griechenland in den vergangenen Jahren verschärft haben.

Die griechischen Banken werden dank der europäischen Steuerzahler und des Internationalen Währungsfonds in Kürze mit schätzungsweise 30 bis 50 Mrd. Euro rekapitalisiert. Das Geld ist Teil des zweiten Rettungspakets für Griechenland. Nach Einschätzung von Analysten wird die Piräus Bank davon bis zu 3,5 Mrd. Euro erhalten.

Dubiose Immobiliengeschäfte

Der heutige Chairman Sallas übernahm das Ruder bei Piräus vor 21 Jahren, noch bevor der Staat die Bank privatisierte. Er ist im Besitz von rund 1,5 Prozent der Piräus-Aktien, deren Börsenwert seit der Hochphase 2007 um 97 Prozent abgestürzt ist. Allerdings hat Sallas mit Hilfe seiner Frau Sophia, seiner beiden Kinder Giorgos und Myrto sowie früherer Piräus-Manager ein Netz von privaten Investmentunternehmen betrieben, die über dubiose Immobiliengeschäfte mit seiner Bank Millionen Euro Gewinn machten, wie aus öffentlich zugänglichen Dokumenten sowie Grundbucheintragungen hervorgeht.

In ihren Finanzberichten wies die Bank nicht explizit auf die Immobiliengeschäfte und die Eigentümerverhältnisse von Sallas‘ privaten Investmentunternehmen hin. Doch nach Einschätzung mehrerer Bilanzprüfer hätten diese Details gemäß den Internationalen Richtlinien für Buchhaltung (IFRS), an denen sich auch Piräus seit 2005 eigentlich orientieren sollte, als sogenannte „related party transactions“ eindeutig kenntlich gemacht werden müssen. Schließlich handelt es sich um mögliche Interessenskonflikte.

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Elf Investmentfirmen identifiziert

Im Zuge der Recherche konnten elf Investmentunternehmen identifizieren werden, die in Immobiliengeschäfte mit Piräus verwickelt waren und in deren Aufsichtsgremien enge Familienmitglieder von Sallas vertreten waren. Seine Ehefrau Sophia Staikou war Direktorin bei neun der Firmen, seine Kinder Giorgos und Myrto waren zumindest auf dem Papier bei je vier dieser Firmen im Kontrollgremium engagiert. Sallas selbst wurde in keinem der Investmentunternehmen als Direktor aufgeführt. Doch in der Praxis war er offenbar stärker im Tagesgeschäft der Investmentunternehmen tätig.

Das Muster war bei allen Transaktionen gleich: Die Investmentfirmen der Sallas-Familie kauften Immobilien und Grundstücke mit Hilfe von Darlehen der Piräus Bank. Das Geldhaus mietete dann mindestens sieben Gebäude von den Firmen zurück und nutzte diese unter anderem als Filialen. Zudem kaufte Piräus zur Hochphase des Immobilienbooms mehrere Anwesen von den Investmentunternehmen des Sallas-Clans über Mittelsmänner zurück. Ferner gewährte Piräus anderen Käufern Darlehen, damit diese Immobilien von den Investmentunternehmen erwerben konnten.

Sechs Millionen Euro in einem Monat

Von allen Transaktionen zwischen Piräus und den Unternehmen der Sallas-Familie fallen drei Immobiliengeschäfte besonders auf. Dabei geht es um drei Immobilien in der Innenstadt von Athen, die Piräus im April 2006 für zusammen 9,4 Mio. Euro kaufte: das Erdgeschoß eines Bürogebäudes sowie zwei Stadtvillen. Die Immobilien gehörten zunächst drei Unternehmen, in denen Sallas Ehefrau das Kontrollgremium leitete oder darin als Direktorin vertreten war: Agallon, Erechtheas und MGS - die Initialen von Michalis G. Sallas.

Wie aus Grundstücksunterlagen hervorgeht, kauften die Mittelsmänner die drei Immobilien zu einem ungewöhnlich niedrigen Preis und verkauften diese dann innerhalb von nur drei Wochen für mehr als das Doppelte an die Piräus Bank weiter. Auf dem Papier strichen die drei Geschäftsleute fast 6 Mio. Euro Gewinn ein - und das in nicht einmal einem Monat.

Fraglich ist, ob das Geld tatsächlich bei ihnen landete. So zeigte sich zumindest einer der drei Geschäftspartner völlig überrascht, als er auf den Deal mit dem Sallas-Clan angesprochen wurde. „Ich habe niemals eine Immobilie in Athen besessen“, sagt der in London lebende Geschäftsmann Philip Moufarrige auf Reuters-Anfrage. „Das wurde ohne mein Wissen gemacht.“ Der Athen lebende Notar bestätigte, dass er Kauf und Verkauf in Abwesenheit von Moufarrige eingefädelt habe.

In Athen „noch ganz andere Dinge gelaufen“

Nach Aussage von Maklern und Juristen in Athen ist der Kauf und Verkauf von Immobilien über mehrere Geschäftspartner innerhalb eines kurzen Zeitraums oft ein Hinweis für Steuerhinterziehung. Solche Geschäfte sind zwar grundsätzlich legal, wenn bei jedem Verkaufsschritt die Abgabe an den griechischen Staat geleistet wird. Doch da zumindest der Geschäftsmann in London nach eigenem Bekunden keinen blassen Schimmer von seinem Millionen-Deal mit dem Sallas-Clan hatte, ist zumindest fraglich, ob bei den Transaktionen alles mit rechten Dingen zuging.

Ein Manager, der bei einem der vielen Investmentunternehmen des Sallas-Clans in der Geschäftsführung arbeitete, räumte im Reuters-Gespräch ein, dass die verschachtelten Transaktionen wohl nicht immer ganz legal gewesen seien. Zur Hochphase des Immobilienbooms seien in Athen aber noch ganz andere Dinge gelaufen. „Es wäre nicht fair, Ihre Recherche allein auf Sallas und Piräus zu begrenzen“, sagt der Insider. „Jeder in der Branche weiß, dass es noch andere Banken gibt, die ähnliche Tricks nutzten und damit weitaus schlimmerer Dinge anstellten, als Bankfilialen zu kaufen und zu verkaufen.“

Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hätte Piräus definitiv für mehr Transparenz sorgen müssen. „Die Tatsache, dass Familienmitglieder in Aufsichtsgremien von Unternehmen sitzen, die Geschäfte mit der Bank machen, ist bereits Anlass genug, um einen möglichen Interessenskonflikt zu suggerieren“, sagt Grant Kirkpatrick, Vize-Chef der OECD-Abteilung für Unternehmensangelegenheiten.

Ob die geheimen Immobiliengeschäfte des griechischen Bankers Sallas und seiner Ehefrau ein juristisches Nachspiel haben, ist offen. Sicher dürfte aber sein, dass dies auch nichts mehr an dem zweiten Rettungspaket und der Milliarden-Finanzspritze für Piräus und die anderen griechischen Banken ändern dürfte.


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