L‘Aquilas Zukunft ist ungewiss

Heute vor drei Jahren wurde L‘Aquila von einem schweren Erdbeben erschüttert. Der Wiederaufbau läuft nur schleppend. Die italienische Stadt läuft Gefahr auszusterben.

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Rom –In der Trümmerstadt L‘Aquila herrscht derzeit reges Wahlkampffieber. Bei den Kommunalwahlen am 6. und 7. Mai wollen neben Bürgermeister Massimo Cialente neun weitere Kandidaten die Führung der von dem Erdbeben erschütterten Hauptstadt der italienischen Region Abruzzen übernehmen. „L‘Aquila, eine Stadt der Zukunft!“ lautet einer der Wahl­slogans. Doch politische Versprechen können über die Wirklichkeit nicht hinwegtäuschen: Drei Jahre nach dem Erdbeben kämpft L‘Aquila immer noch um seine „Wiederauferstehung“. Die ehemalige Industriestadt wirkt trotz ihrer 70.000 Einwohner irgendwie geisterhaft.

36 Monate sind seit jener Schreckensnacht am 6. April 2009 vergangen, als die Erde um 3.32 Uhr 38 Sekunden lang bebte und die Menschen unter den Trümmern Angehörige und Freunde verloren. Das Hauptbeben hatte eine Stärke von 5,9 auf der Richterskala, die Anzahl der Toten belief sich auf 309. 1600 Personen erlitten Verletzungen, 65.000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf.

Drei Jahre später hat sich für die Bewohner L‘Aquilas der Alltag immer noch nicht normalisiert. 21.700 Personen leben derzeit noch in den von der Regierung errichteten Holzblocks unweit der Stadt. 11.000 Personen erhalten weiterhin staatliche Unterstützung, um sich außerhalb der Erdbebenstadt eine Wohnung mieten zu können. 339 leben nach wie vor in Hotels oder Polizeikasernen.

Auch von vielen historischen Bauten blieben nur Trümmerberge. Touristen schätzten bis zum Erdbeben besonders den historischen Stadtkern L‘Aquilas mit seinen barocken Palazzi, Springbrunnen und Kirchen. Doch noch heute liegen viele der Monumente in Schutt und Asche. „Man hätte längst mit der großen Sanierung der Gebäude im Stadtkern beginnen sollen, doch wegen bürokratischer Ineffizienz bei der Vergabe der Aufträge und bei den Sanierungsplänen ist noch nichts in Bewegung gekommen. Jetzt wolle die Regierung Monti aus Spargründen die Ausgaben für L‘Aquila kürzen, klagt Bürgermeister Cialente. Die Gefahr sei, dass immer mehr Bürger die Gegend verlassen und die Stadt endgültig aussterbe.

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Dabei hatte US-Präsident Barack Obama im Juli 2009 beim G8-Gipfel in L‘Aquila seine volle Unterstützung für die Restaurierung von Monumenten zugesagt. „Obama hatte versichert, dass er ein Monument in L‘Aquila ‚adoptieren‘ und für die Kosten der Sanierung aufkommen würde, es ist aber nichts daraus geworden“, sagt der Vizekommissar für den Wiederaufbau, Luciano Marchetti.

Doch für die vom Schicksal gebeutelte Stadt gibt es auch Signale der Hoffnung. Die Fachleuteregierung um den italienischen Premier Mario Monti hat zuletzt 700 Millionen Euro für den Wiederaufbau einiger öffentlicher Gebäude freigegeben. Dutzende Genehmigungen zur Sanierung öffentlicher und privater Bauten sollen nach Bewältigung bürokratischer Hürden erteilt werden. Die Regierung will auf High-Tech-Industrie setzen und hofft, dass mit Steueranreizen Unternehmen, die wegen des Erdbebens die Region verlassen haben, zurückkehren.

Die Regierung stellte zuletzt ein innovatives Projekt vor, um L‘Aquila mit internationalen Finanzierungen und der Hilfe der EU in eine „Smart City“ mit neuen Verkehrskonzepten, energieeffizienten Gebäuden und intelligenten Energieversorgungsnetzen umzuwandeln.

Heute Nacht rückte die Sorge um den Wiederaufbau für kurze Zeit in den Hintergrund: Bei einem Fackelzug zum Domplatz, wo um exakt 3.32 Uhr die Glocken in Erinnerung an die Toten 309-mal schlugen. (APA)


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