Genialität und Zumutung

The Mars Volta sind mit „Noctourniquet“ zurück. Der anmutige Name lässt auf eine sanfte Musik schließen. So ist es auch. Teilweise.

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Von Sabine Theiner

Innsbruck –Es heißt, Omar Rodríguez-López, Gitarrengott aus Puerto Rico, regiere das Musikerkollektiv The Mars Volta im Alleingang. In Sänger Cedric Bixler-Zavala hat er zwar seinen kongenialen Partner gefunden, aber Omar gibt den Ton an. Wenn er Musik macht, dann kommt das dem Versuch gleich, in die Seele, den Abgrund der Rockmusik zu blicken. Dabei geht es dionysisch zu: Verschwenderisch, ausufernd, hemmungslos und übermäßig präsentiert sich dieser Sound, der einem nur so um die Ohren fliegt. Songs in Überlänge, Gitarrensoli zum Schreien und kein Hauch von Struktur erkennbar. Da rennen Progressive Rock, Krautrock und Punk in einem Affentempo gegeneinander an, (Free)Jazz-, Psychedelia- und Salsa-Elemente prallen auf dieses Amalgam und sogar eine Prise klassischer Musik windet sich durch den subversiven, maßlosen Ausbruch. Die bis zu 30-minütigen, wilden Soundcollagen und Klangfetzen können einem schon mal den letzten Nerv töten.

Auf „Noctourniquet“, dem eben erschienenen, sechsten Album, gibt sich Omar der Große friedlicher. Der Sound schlägt nicht mehr so wild um sich und lässt den Hörer am Leben. Strukturen sind erkennbar, sogar Songkerne. Wahrscheinlich wird es deshalb als das beste von The Mars Volta gefeiert. Die überbordende, manische Kreativität von Rodríguez-López wird aber nicht ausgebremst, sondern nur etwas subtiler kanalisiert. Zwar führt der Opener „The Whig Hand“ etwas in die Irre, denn der Song erreicht bald den altbekannten Wahnsinn. Aber mit „Aegis“ entschuldigen sich The Mars Volta quasi für den Ausbruch und donnern in ruhigere Gefilde davon. Besonders hervor sticht „Zed & Two Naughts“, wo ein irres Schlagzeug davonbrettert und den Hörer von einem Refrain zum anderen trägt. Sänger Bixler-Zavala probiert sich an tieferen Tönen und auch das tut der Sache gut.

The Mars Volta sind begnadete Musiker, Visionäre, die Musik als etwas Grenzenloses, Anarchisches begreifen. Als etwas mit unendlichen Möglichkeiten. Gängiges, Bekanntes, zig Mal Gehörtes interessiert diese Männer nicht. Sie experimentieren und legen Platten vor, die von einem unkonventionellen, zappaesken Musikverständnis zeugen. „Noctourniquet“ ist mit dem zerfahrenen Sound immer noch eindeutig The Mars Volta. Aber vielleicht ist mit diesem Album die Zeit gekommen, das Konzept dieser außergewöhnlichen Band zu verstehen.


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