Aus Gästen sind Kollegen geworden

Tirol ist in den vergangenen Jahren nicht mehr nur für Urlauber, sondern auch für Arbeitnehmer aus Deutschland ein attraktives Ziel geworden. Zwei Zugezogene erzählen von ihren Erfahrungen.

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Von Stefan Bradl

Innsbruck –Viele Tiroler brauchten eine Weile, sich daran zu gewöhnen. Sie, die jahrzehntelang ihre deutschen Touristen bekochten und im Souvenirstand berieten, bekamen ihre Speckknödel plötzlich von der Kellnerin aus Sachsen serviert und den Computer vom Verkäufer aus dem Ruhrgebiet erklärt. Tirol, jahrelanger Arbeitskräfteexporteur nach Schwaben und noch weiter, ist selbst ein beliebtes Ziel geworden für jobsuchende Bürger aus Deutschland.

Aus den Gästen wurden auch Kollegen. Einer, der zu den deutschen Neo-Tirolern gehört, ist Timm Zühlke. Ins Land gebracht hat ihn der Zufall. „Daheim in Berlin sind damals ein paar Sachen zu Ende gegangen und ich hatte Lust auf einen Tapetenwechsel. Beim Surfen im Internet bin ich dann bei einem Unternehmen aus dem Oberland gelandet, das einen Reisebusfahrer suchte.“ Kurzentschlossen habe er Kontakt aufgenommen und wurde auch gleich zu einem Probemonat eingeladen. Das verlief zufriedenstellend und schon war ein Arbeitsvertrag unterschrieben.

Von Tirol kannte Zühlke vorher nicht viel, ein paar Bilder, ein paar Erinnerungen an den Urlaub als Kind. Und ein paar Klischees, die sich jedoch alle nicht bewahrheiteten. „Bis auf die Sturheit“, schmunzelt der 32-Jährige. „Es hat bei manchen schon eine Weile gedauert, bis sie sich mir gegenüber geöffnet haben. Als geselliger Mensch bin ich aber selbst aktiv auf die Leute zugegangen und so konnte ich Anschluss finden“, erzählt er. „Und wer einen Tiroler mal für sich gewonnen hat, der hat ihn dann auch als echten Freund.“

Gewonnen hat der Berliner auch bald das Herz einer Tirolerin, weshalb er vom Reisebusdienst mit seiner tagelangen Abwesenheit zur ÖBB-Postbus GmbH wechselte. Als Springer kam er dort viel im Land herum. „Mit dem Bus durch den Tiroler Winter, da musst du gut fahren können“, erinnert er sich. Inzwischen fährt Timm Zühlke seit knapp fünf Jahren die Kristallwel­tentour zwischen Innsbruck und Wattens, wo es durch die Ausflugsstimmung der Passagiere eher entspannt zugeht. „Manchmal werde ich auch gefragt, wie dieser oder jener Berg heißt oder was ich für einen weiteren Besuch empfehlen kann. Was man einen Einheimischen eben fragt“, lacht er. Tirol wieder zu verlassen, das kommt Zühlke nicht mehr in den Sinn. „Ich fühle mich in den Bergen richtig wohl.“ Und wenn gelegentlich ein Schmäh in seine Richtung zielt, im Pausenraum oder bei der Telfer Feuerwehr, wo er ehrenamtlich engagiert ist, dann weiß er sich mit seiner Berliner Schnauze schon zu helfen – tirolerische Einsprengsel inklusive.

Mit dem alpinen Dialekt angefreundet hat sich nach sieben Jahren Tirol auch Silke Ötsch, selbst wenn sie ihn nicht aktiv spricht: „Ich sammle Ausdrücke und Redewendungen und habe schon einige Megabyte voller Notizen. Das mit dem Verstehen klappt mittlerweile problemlos, in den Seitentälern stoße ich allerdings schon gelegentlich an meine Grenzen.“ Die Wissenschafterin fing 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konstruktion und Gestaltung der Innsbrucker Uni an. Mittlerweile ist sie Assistentin am Institut für Soziologie. „Tirol hat sich einfach so ergeben. Über die Gegend hier wusste ich kaum etwas, außer dass es tolle Berge gibt.“ Grundsätzliche Unterschiede zum Leben in Deutschland hatte sie jedenfalls nicht erwartet. Im Vergleich zu anderen Kulturen – Silke Ötsch lebte auch schon in Chile, den USA und Frankreich – seien sie auch gering.

Kleine Besonderheiten entdecke sie aber immer wieder. „Eine meiner ersten Erfahrungen waren Studierende, die meinten, sie hätten Angst bei Wortmeldungen, weil sie nicht Hochdeutsch sprechen so wie ich. Das erstaunte mich, weil ich diesen scheinbaren Konflikt zwischen minderem Dialekt und offenbar gebildeter Schriftsprache in Deutschland nicht wahrnehme.“ Deutlich in Erinnerung ist auch noch ein Einkauf in der Bäckerei ums Eck. Auf das „Und was kriegst du?“ der Verkäuferin hatte die frisch Zugezogene nachgefragt, seit wann sie denn per Du seien. Daraufhin waren alle Blicke im Geschäft auf die Fremde gerichtet, die sich ein Sie erwartet hatte. „Mittlerweile muss ich aufpassen, wenn ich in Deutschland unterwegs bin, weil ich mich selbst ans Duzen gewöhnt habe“, lacht sie.

Das Arbeitsklima in Tirol beschreibt Silke Ötsch als angenehm. Es herrsche nicht ein ganz so hoher Zeitdruck und Konkurrenzdruck, zudem sei nicht alles so streng durchformalisiert wie in Deutschland.

„Was speziell die Atmosphäre in Innsbruck auch beeinflusst, das ist die unmittelbare Nähe zu Natur und Bergen“, meint Ötsch. Die Stimmung sei besser, wenn Personen einen Ausgleich zur Arbeit haben, etwa bei sportlichen Aktivitäten im Freien. Silke Ötsch zieht eine positive Bilanz über ihre bisherige Zeit in Tirol: „Ich wollte eigentlich nach ein paar Jahren weiterziehen. Die Tiroler Lebensqualität ist aber ein mehr als überzeugendes Argument, noch ein wenig zu bleiben.“


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