Tirol in 70 Jahren gletscherlos

2011 war ein schlechtes Jahr für Gletscher. 92 von 95 gingen zurück, meldet der Alpenverein. Geht diese Entwicklung so weiter, gibt es 2080 in Tirol keine Eisriesen mehr.

  • Artikel
  • Diskussion

Von Irene Rapp

Innsbruck –Sieben bis acht Kilometer lang. Dazu teilweise bis zu 140 Meter dick. Eigentlich, so müsste man meinen, könnte solchen Eiskolossen nichts etwas anhaben. Und doch schwinden die rund 800 österreichischen Gletscher weiter, wie der aktuelle Bericht des Oesterreichischen Alpenvereins (OeAV) zeigt.

Besonders drastische Ausmaße erreicht dieser Schwund vor allem dann, wenn so wie im vergangenen Jahr das Wetter nicht mitspielen will. „Wenig Winterschnee, dazu überdurchschnittlich hohe Temperaturen“ führten laut Andrea Fischer – Leiterin des Alpenverein-Gletschermessdienstes – zur großen Schmelze. Und da konnten auch ein kühler Juli und die Schneefälle im September nicht mehr viel ausgleichen.

Für die 95 vom OeAV seit Jahrzehnten beobachteten Gletscher bedeutete das im Berichtsjahr 2010/2011 einen durchschnittlichen Rückgang um 17,2 Meter – womit man über dem langjährigen Schnitt liegt. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren es 14,1 Meter gewesen. „Die lange Schmelzdauer führte 2011 zu starken Rückgängen an den Zungen, die weit ins Tal reichen und so den hohen Temperaturen besonders ausgesetzt sind“, weiß Fischer Details. Bei 15 dieser so genannten Talgletscher wurden sogar Längenverluste von mehr als 30 Metern registriert – fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Besonders augenscheinlich war der Gletscherschwund bei den Top 3 (siehe Box). Aber auch den bekanntesten Gletscher Österreichs – die Pasterze – traf es besonders. Die Gletscherzunge schmolz um 40,3 Meter zurück. „Nur“ 24,7 Meter waren es im Jahr zuvor gewesen. Die Eisoberfläche sank um 4,4 Meter ein, erstmals war auch die Gletschermitte von Zerfallserscheinungen betroffen.

TT-Geburtstag: Jetzt eine von 76 Torten gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet automatisch.

Die Auswirkungen des eisigen Rückgangs – die Bildung von Seen, die Freilegung von Schotterhalden oder brüchigem Gelände, verschüttete Wege – machen nicht nur Bergsteigern zu schaffen. Auch die so genannten Gletscherknechte – jene Personen, die für den OeAV die Messungen durchführen – müssen sich auf die neuen Bedingungen einstellen. „Es wird aufwändiger und schwieriger, vor allem, wenn man Leute mit hat, für die man die Verantwortung trägt“, erzählt etwa Heralt Schneider, der diese Arbeit 50 Jahre lang durchgeführt hat (siehe Interview).

Doch die Gletscher verlieren nicht nur an Länge, sondern auch an Höhe – pro Tag rund 10 Zentimeter. Womit sich ein Blick in die Zukunft der Gletscher aufdrängt – der nicht rosig ist, wenn der Rückzug so weitergeht wie bisher. Denn dann, so die Glaziologin Fischer, „würde der durchschnittliche Tiroler Gletscher noch 70 Jahre bestehen“. Oder anders ausgedrückt: Tirol könnte in 70 Jahren eisfrei sein.

Zurück zum laufenden Berichtsjahr 2011/2012, das schon mit einem erfreulichen schneereichen Hochwinter aufwarten konnte. Allerdings kein Grund zur Euphorie, wie Fischer betont, waren doch die vergangenen Wochen sehr trocken. Da allerdings die Hauptniederschläge am Gletscher in den Monaten März bis Mai fallen, lebt sie noch – die Hoffnung.


Kommentieren


Schlagworte