Christi Leid in leuchtenden Farben

Johann Sebastian Bachs Johannespassion in Frans Brüggens leuchtender, tröstlicher und bewegender Interpretation.

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Von Ursula Strohal

Innsbruck – Frans Brüggen hat als Solist die Blockflöte von ihrem erniedrigenden Ruf befreit, ihr durch intensive Forschung adäquates Repertoire verschafft, aber bald schon auf breiterer Basis gearbeitet. Seine umfassende Stilkenntnis führte ihn als Dirigent zu europäischen und amerikanischen Spitzenorchestern, die vorklassische Musik hat er als ein Pionier der historisch informierten Interpretation seinen Musikern, Schülern, Zuhörern jedoch stets weitergelehrt. Zur optimalen Veranschaulichung seiner Auffassung vor allem der Musik des 18. Jahrhunderts gründete er das Orchester des 18. Jahrhunderts. In Tirol musizierte er auf Einladung der Galerie St. Barbara und kam nun wieder, um am Karfreitag mit Johann Sebastian Bachs Johannespassion die Konzertreihe des Osterfestivals zu krönen.

Die Verherrlichung Jesu, auf die in der Johannespassion alles hinzielt, wird im wunderbaren Eingangschor „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist“ manifestiert und hier schon kündigte sich eine ereignishafte Aufführung an, die von Nummer zu Nummer von der Darstellung zum Erleben führte. Der große Frans Brüggen, inzwischen ein alter, etwas gebrechlicher Herr von 87 Jahren, der in den Saal geführt und dann am Dirigentenpult mit Bachs Musik zeitlos wird, erzählt die Leidensgeschichte Christi in lebhaften Farben, lässt zunehmend aber die tröstliche Botschaft daraus wachsen und sich ergreifend über den Abend legen. Er gestaltet drucklos und schlicht, ungemein facettenreich und höchst transparent. Die Zartheit der Artikulation und die sanfte Bewegtheit der Tempi führen zu einer schwebenden Klarheit und Schönheit, die bei Brüggen natürlich nie Selbstzweck sind.

Die vorzüglichen Musiker im Orchester des 18. Jahrhunderts mit ihrem farbenreichen Instrumentarium sind vertraut mit Brüggens Gestik und Mimik wie einst die Flöte mit seinen Lippen. Von beispielhafter Qualität die 24 Sängerinnen und Sänger der Cappella Amsterdam, die jeden Choral aus seiner individuellen Aussage heraus gestaltet und dabei Ruhemomente schafft, im Gegensatz zu den lebhaften Handlungsabschnitten.

Die Solisten führte der großartige Fabio Trümpy als subtil die Erzählung und die barocken Affekte verwaltender Evangelist an. Herausragend auch die beiden Sopranarien von Amaryllis Dieltiens und wunderbar sonor und differenziert der Bass von Michael Tews in den Jesusworten. Weitere Solisten waren der Bassist André Morsch und – indisponiert – Tenor Felix Rienth. Michael Chance hat schon viel Substanz von seinem Countertenor, nicht aber seine Gestaltungskraft eingebüßt.

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Die Galerie St. Barbara prägt die Kartage innerhalb des Osterfestivals auch durch Liturgie. Die Karfreitagsliturgie und die morgendliche Trauermette am Karsamstag gestalteten die Cantori Gregoriani Milano im gregorianischen Choral. Heute Sonntag endet das Festival im Innsbrucker Congress mit dem letzten Tanzabend. Die Compagnie Alias aus Genf zeigt die fesselnde Choreographie „Sideways Rain – Zeitlauf“ des Brasilianers Guilherme Botelho als Sinnbild für das Sein des Menschen.


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