1425 Tage Todesangst - Erinnern an die Belagerung Sarajevos

Vor 20 Jahren wurde die Stadt Sarajevo zur Geisel von bosnisch-serbischen Truppen. Es folgte die längste Belagerung der modernen Geschichte - mehr als 11.500 Menschen kamen dabei ums Leben.

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Sarajevo - Die bosnische Hauptstadt Sarajevo begeht am 6. April gleich zwei Jahrestage. Einerseits gedenkt die Stadt des 67. Jahrestages der Befreiung im Zweiten Weltkrieg. Am selben Tag begann 1992 aber auch die 1425-tägige Belagerung Sarajevos durch bosnisch-serbische Truppen.

In der längsten Belagerung einer Stadt in der modernen Geschichte kamen laut offiziellen Angaben 11.541 Personen, darunter 643 Kinder, ums Leben. Nach anderen Zahlen befanden sich unter den Opfern des Bosnien-Krieges (1992-95) sogar 1601 Sarajevo-Kinder.

11.541 rote Sessel im Stadtzentrum

Zum 20. Jahrestag der Belagerung will die Stadtverwaltung zum ersten Mal der Kriegsopfer mit einem Konzert unter dem Namen „Die rote Linie von Sarajevo“ gedenken. Vierzehn von der Akkordeonspielerin Merima Kljuco verfasste Lieder werden von der zwölfköpfigen bosnischen Gruppe „Art Vivo“, Opernsängern und 750 Schülern aufgeführt. Im Stadtzentrum wurden in Erinnerung an die Kriegsopfer 11.541 rote Sessel aufgestellt. „Die Sessel erinnern an jene Menschen, welchen wir vor dem Krieg täglich begegneten“, erläuterte Danijel Zontar, der Kunstdirektor des Erinnerungskonzerts.

„Wir müssen die Erinnerung an diese Menschen wahren, damit so etwas nie mehr und schon gar nicht in Europa vorkommt“, ist auch Bürgermeister Alija Behmen überzeugt. In etlichen Schaufenstern wurden anlässlich des Jahrestages Plakate ausgestellt, die an die Kulturereignisse aus der Zeit der Stadtbelagerung erinnern. Denn auch unter der Beschießung war Sarajevo nach Kräften bemüht, das Kulturleben aufrechtzuerhalten.

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„Vorsicht, Sniper!“

Die meisten Todesopfer kamen durch Mörsergranaten und Scharfschützenschüsse ums Leben. Aufschriften „Vorsicht, Sniper!“ gehörten in den Kriegsjahren zum Stadtbild. Die Besatzung Sarajevos begann eigentlich schon am 5. April 1992, als von serbischen Truppen zuerst der städtische Flughafen im Stadtviertel Ilidza besetzt wurde. Daraufhin wurden auf Bergen um die bosnische Hauptstadt schätzungsweise rund 120 Mörser und 250 Panzer der bosnisch-serbischen Truppen aufgestellt. Sie stammten von den einstigen jugoslawischen Streitkräften (JNA, Jugoslawische Volksarmee).

Auf die Stadt wurden im Schnitt pro Tag 329 Granaten abgeschossen. Den Rekord erlebte Sarajevo am 22. Juli 1993, als 3777 Granaten abgefeuert wurden. Bei dem anhaltenden Bschuss wurden mehr als 50.000 Personen verletzt, an die 35.000 Häuser wurden zerstört, darunter auch Krankenhäuser, staatliche Einrichtungen Kulturdenkmäler.

Der verlustreichste Granateinschlag ereignete sich am 5. Februar 1994. Eine Mörsergranate schlug in den überfüllten Markale-Marktplatz und tötete 68 Menschen, 144 wurden verletzt. Von bosnischen Serben wurde die Verantwortung für die schwersten Mörserangriffe immer wieder bestritten und bosniakischen (muslimischen) Truppen zugeschrieben.

Die Stadt ließ sich nicht kleinkriegen. Mitte 1993 wurde ein 800 Meter langer Tunnel fertiggestellt, der Menschen ermöglichte, die belagerte Stadt zu verlassen. Er diente auch zur Versorgung Sarajevos. Das Haus der Familie Kolar im Stadtviertel Butmir, wo sich der Eingang in den Tunnel befand, wurde nach dem Kriegsende samt einer kleinen Tunnelstrecke in ein Museum verwandelt.

Verurteilungen und Prozesse

Zwei einstige bosnisch-serbische Offiziere - Stanislav Galic und Dragomir Milosevic - wurden vom UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) wegen der Sarajevo-Beschießung zu lebenslanger bzw. 29-jähriger Haft verurteilt.

Wegen derselben Vorwürfe hat sich derzeit auch der einstige Präsident der Serbischen Republik, Radovan Karadzic, zu verteidigen. Mitte Mai beginnt vor dem Haager Gericht auch der lange erwartete Prozess gegen den einstigen Militärchef der bosnischen Serben Ratko Mladic. Er war der eigentliche Hauptverantwortliche für die Belagerung der bosnischen Hauptstadt.

Unregierbares Bosnien-Herzegowina

Die Belagerung Sarajevos wurde offiziell Ende Februar 1996 beendet. Auf der Basis des Dayton-Befriedungsabkommens besteht die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Bosnien-Herzegowina seither aus zwei weitgehend eigenständigen Gebietseinheiten - der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der Serbischen Republik Republika Srpska.

Als quasi unter internationaler Vormundschaft stehendes Staatsgebilde ist Bosnien-Herzegowina institutionell gelähmt. Das gegenseitige Misstrauen der drei Bevölkerungsgruppen und eine überbordende Bürokratie haben zu Unregierbarkeit und wirtschaftlicher Dauerkrise geführt. (APA)


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