Durch die Wüste

Hans Platzgumer legt mit „Trans-Magreb“ eine Novelle zum Arabischen Frühling vor.

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Innsbruck –Die mediale Aufmerksamkeit ist ebenso kurzlebig wie hysterisch. Vor einem Jahr beherrschte der Arabische Frühling, vor allem deren blutiger Ausläufer, die libysche „Arabellion“, die internationalen Nachrichten. Dann zerstörte ein Tsunami Japans Küste und die Welt starrte nach Fukushima. Libyen taugte nicht mehr zu „breaking news“, sondern höchstens zum Füllwerk zwischen der GAU-Berichterstattung.

Hier setzt Hans Platzgumers „Trans-Magreb“ ein. Beim Zappen stößt der Ich-Erzähler auf einen solchen Nachrichtenfetzen aus Libyen. Ein Schiff ist gesunken. Mehrere Leichen werden geborgen. Der Protagonist, ein österreichischer Ingenieur, der in Libyen gearbeitet hat, glaubt, seinen ehemaligen Chef, den Bauunternehmer Anton Corwald, unter den Toten zu erkennen. Er ist überzeugt: Corwald – ein ebenso schillernder wie zwielichtiger Typ, der sowohl mit Gaddafi als auch mit den Aufständischen gepackelt hat – ist tot. Das Opfer eines Anschlags. Der Erzähler will mehr herausfinden.

So könnte ein Politkrimi beginnen, der die Machenschaften korrupten Europäern und Dritte-Welt-Despoten denunziert. Aber Platzgumers Text schlägt einen anderen Weg ein. Die Suche nach Corwald versandet schnell. Doch dieser Erzählstrang ist nur ein Vorwand für eine hintergründigere Auseinandersetzung. Durch die Erinnerungsarbeit des Erzählers wird klar, wie wenig er von Libyen, von Land und Leuten weiß und wie stark seine Wahrnehmung und Erinnerung von klischeehaften Vorstellungen geprägt sind. Oder allgemeiner: Selbst direkter Kontakt von Kulturen bedeutet noch lange kein Verstehen, sondern befördert eher das Aufkochen von Vorurteilen. Genauso, wie die 24-Stunden-Live-Ticker nur eine selektive Wirklichkeit darstellen, ist auch die Wahrnehmung des Erzählers eingeschränkt. Genauso wenig, wie er es schaffte, sich ein Bild vom Charakter seines Chefs zu machen, schaffte er es, sich auf das Fremde, das ihn monatelang umgab, einzulassen.

Wirklich neu ist der Topos, den Platzgumer in „Trans-Magreb“ aufgreift, nicht. Lesenswert ist das Buch trotzdem. Nicht nur weil das Thema nichts an Aktualität eingebüßt hat, sondern auch dank Platzgumers präziser schnörkelloser Sprache. (jole)


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