He! Ho! „Parsifal“: Gründonnerstägliches Weiheamt in der Staatsoper

Wien (APA) - Vor dem Karfreitag versammelt sich traditionell in Wien die Operngemeinde im Staatsoperntempel, um das feierliche Hochamt und d...

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Wien (APA) - Vor dem Karfreitag versammelt sich traditionell in Wien die Operngemeinde im Staatsoperntempel, um das feierliche Hochamt und das Erscheinen des Erlösers „Parsifal“ zu begehen: Am gestrigen Gründonnerstag fungierte dabei wieder einmal Christian Thielemann am Pult des Staatsopernorchesters als Hohepriester und versetzte die Versammelten bereits vor dem Erklingen des ersten Tons in Ekstase - durchaus zu Recht, wie sich später erweisen sollte. In Christine Mielitz‘ mittlerweile acht Jahre alter, aber immer noch erlösend frischer Regie, kämpfte sich ein beinah geschlossen herausragendes Ensemble der Erlösung entgegen. Einzig der Erlöser selbst ließ aus - Simon O‘Neill bei seinem Hausdebüt konnte zwar die Gralshüter auf der Bühne, nicht aber das Publikum überzeugen.

Publikumsliebling Thielemann zerlegte die Wagner‘schen Klangwolken des „Bühnenweihfestspiels“ in transluzente Einzelphrasen, analog dem zentral auf Lichtregie setzenden Konzept von Mielitz. Das Ringen um Abkehr von den weltlichen Freuden hin zur sublimierten Erlösung setzt Thielemann analog in analytisch-kühlen Bögen um. Anstatt dem Schwelgen im Melodienfluss präferierte er neue, mikroskopische Blicke auf einzelne Stellen, mit denen er die von Wagner angerissenen Ausblicke in die am Horizont dräuende Welt der Neuen Musik offenlegte.

Auf der Bühne hingegen gelingen der 2004 erstmals gezeigten Inszenierung nach wie vor streckenweise starke Bilder im steten Wandel des Lichts. Dabei beweist sich Mielitz‘ Talent in der Personenführung - gerade im „Parsifal“ mit seinen Massenaufläufen ein schwieriges Unterfangen, zumal die Bühne in vielen Fällen schlicht voll ist. Männer und Macht, Religion und Unterdrückung, selbstgerechte Ignoranz und weibliche Selbstaufgabe werden in stimmige Tableaus umgesetzt, wenn etwa die Blumenmädchenszene herrlich puffig-lasziv anstatt schäferstündchenliebreizend daherkommt.

Unterstützt wird dieses Konzept beim heurigen „Parsifal“ vom Ensemble, allen voran Kwangchul Youn als Gurnemanz mit sattem, saftigem Bass gerade in den Tiefenlagen und einer herausragenden Textverständlichkeit. Falk Struckmann überzeugte wieder einmal als vor Leiden wahnsinniger Amfortas, was auch für Angela Denoke galt, die wie bei der Premiere 2004 in der Rolle der Kundry mit ihrem Spiel nicht nur die meisten Ritter, sondern auch die Jünger im Publikum bezirzte.

Der Erlöser kam allerdings als stimmliche Enttäuschung des Abends daher: Der Neuseeländer O‘Neill präsentierte bei seinem Staatsoperndebüt eine kleine Stimme im großem Körper, deren Variantenbreite zwischen guttural und nasal schwankte und streckenweise nicht einmal die Klangwand des Orchesters in den Zuschauerraum durchbrach. So wurde der Erlöser am Ende des Abends mit einigen Buhs bedacht.

(S E R V I C E - Richard Wagners „Parsifal“. Inszenierung: Christine Mielitz, Musikalische Leitung: Christian Thielemann. Mit u. a. Simon O‘Neill (Parsifal), Kwangchul Youn (Gurnemanz), Angela Denoke (Kundry), Falk Struckmann (Amfortas), Wolfgang Bankl (Klingsor). Weitere Vorstellungen: 8. und 12. April 2012 sowie am 28. und 30. März sowie 4. April 2013. Karten unter 01/5131513 oder http://www.staatsoper.at)


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