Jenseits von echt und falsch: Das Labor des Kunsthistorischen Museums

Wien (APA) - Das Wiener Kunsthistorische Museum (KHM) verbindet der Besucher wohl vor allem mit den ehrwürdigen Ausstellungshallen und dem G...

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Wien (APA) - Das Wiener Kunsthistorische Museum (KHM) verbindet der Besucher wohl vor allem mit den ehrwürdigen Ausstellungshallen und dem Glanz alter Meister. Weniger bekannt ist, dass das Haus am Ring seit den 1990er Jahren auch ein naturwissenschaftliches Labor beherbergt. Dort untersuchen Wissenschafter restauratorische, sowie herstellungs- und maltechnische Fragestellungen zu Kunstwerken aus den Sammlungen des KHM, des Museums für Völkerkunde (MVK) und des Österreichischen Theatermuseums (Ö). Die Frage nach der Echtheit der Objekte stehe dabei aber nicht im Vordergrund, wie Laborleiterin Martina Grießer im Gespräch mit der APA betonte.

„Wir sind nicht in der ‚Echt-Falsch-Schiene‘ unterwegs, das heißt wir machen keine Untersuchungen, was die Echtheit von Objekten betrifft“, so die Chemikerin. Vielmehr interessiere die KHM-Forscher der Zustand sowie Fragen zur Restaurierung der Gemälde, Skulpturen und anderer Kunstgegenstände. Außerdem sei man an Erkenntnissen zu deren Herstellung sowie auf maltechnische Fragestellungen spezialisiert. Viele Analysen hätten damit zu tun, was in früheren Bearbeitungen mit den Kunstwerken gemacht wurde und in wie weit sich diese Bearbeitungen über die Zeit „mit dem Original verbunden haben“. Das hängt manchmal auch mit der wissenschaftlichen Abschätzung etwaiger Schäden zusammen.

Die Ursprünge des Labors reichen ins Jahr 1996 zurück. „Vorher gab es keine eigene Abteilung für Untersuchungen im Haus“, so Grießer, die damals zwei leere Räume zwischen den Räumen der Kunstkammer und der Gemälderestaurierung vorfand, die es in ein Labor zu verwandeln galt. Nach einer Aufbauphase ist die Einrichtung dann 1998 „so richtig in Betrieb gegangen“. In den ersten Jahren hat Grießer „alleine versucht, die Sammlungen und Anfragen zu betreuen“, bis am Beginn der 2000er Jahre zuerst Kollegen über Forschungsprojekte und in weiterer Folge fix dazu kamen. Aktuell sind im wissenschaftlichen Bereich noch zwei weitere Forscher ständig tätig.

Die Einrichtung des Labors sei hauptsächlich auf Betreiben der Gemäldegalerie erfolgt, dementsprechend sei man am Beginn auch stark auf Untersuchungen von Gemälden, die sich in Restaurierwerkstätten befinden, mittels Licht- und Elektronenmikroskopen spezialisiert gewesen. „Heute können wir neben der Mikroskopie auch zerstörungsfreie Untersuchungen mittels Röntgenfluoreszenzanalyse und weiterführende Analysen mit Gaschromatographie-Massenspektrometrie machen“, so die Forscherin. Diese Analysemethoden seien für die Arbeit besonders wichtig, mit der letztgenannten könne man beispielsweise die Zusammensetzung „relativ komplexer organische Systeme“, wie etwa spezieller Farbmischungen, aufklären.

Seit etwa drei Jahren verfügt man zusätzlich über ein 3D-Mikroskop, mit dem man den Zustand von Oberflächen aller Art analysieren kann, ohne Proben zu entnehmen bzw. die Objektoberflächen berühren zu müssen. Mit dieser Methode sammeln die Forscher Informationen über Korrosionserscheinungen oder Schäden auf Kunstwerken, wie etwa an dem Gemälde „Die Maltechnik“ von Vermeer, oder verfolgen restauratorische Maßnahmen, wie an der „Saliera“.

Mittlerweile sei man aber auch in den „präventiven Bereich“ vorgedrungen, wie Grießer erklärte. Gemeinsam mit den Restauratoren widme man sich vermehrt der Untersuchung und Optimierung von Materialen, die in Ausstellungen und Depots verwendet werden, oder der Messung der Dichtheit von Vitrinen, in denen die Kunstwerke ausgestellt werden. Über die Restaurierung und Konservierung hinaus, führen die Forscher auch mal- oder herstellungstechnische Untersuchungen an den Objekten durch. Außerdem sei man zunehmend in größere Forschungsprojekte im Haus involviert. Betätigungsfelder gebe es jedenfalls genug, da man neben den umfangreichen Sammlungen des KHM, des MVK und des ÖTM auch Aufträge externer Auftraggeber bearbeite, wie Grießer betonte.

In die Neugestaltung der Kunstkammer ist das Labor „am Rande involviert“. Aktuell mache man „beispielsweise Tests zu Materialen, die in Vitrinen verwendet werden sollen“, sowie Dichtemessungen an den neuen Vitrinen. Auch in den Bauprozess des neuen Zentraldepots des KHM in Himberg sei das Labor „in Teilbereichen involviert“ gewesen. Momentan sei man dabei, sich die Schadstoffkonzentrationen in den verschiedenen Bereichen des Depots anzusehen.

Am 27. April werden das KHM, das MVK und das Österreichische Archäologische Institut ihre Forschungstätigkeit im Rahmen der „Langen Nacht der Forschung 2012“ präsentieren. Das Naturwissenschaftliche Labor wird dabei seine Arbeit an vier Stationen und im Rahmen einer Vortragsreihe vorstellen.


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