Abfahrer und Anleger: Jelineks „Winterreise“ in Wien gefeiert

Wien (APA) - Gefangen in der ewigen Skihüttengaudi - so muss die (österreichische) Hölle aussehen. Bei Stefan Bachmanns Inszenierung von Elf...

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Wien (APA) - Gefangen in der ewigen Skihüttengaudi - so muss die (österreichische) Hölle aussehen. Bei Stefan Bachmanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Winterreise“ bekommt die von Alkohol und lauter Schlagermusik begleitete Abfahrt auf der steil geneigten Bühne beinahe mythologischen Charakter. Immer wieder werden Rodel und Snowboard mühsam nach oben gezogen, um dann kurz vor dem Ziel kehrt zu machen, runterzufahren und erneut den sisyphosgleichen Aufstieg zu beginnen. Das erinnert an das ewige gleichgültige Streben nach wirtschaftlichem Wachstum, das Abfahrer und Anleger in Jelineks präzisem und persönlichem Text auf eine Stufe stellt. Bachmann landete mit seiner kurzweiligen Adaption im Akademietheater einen vollen Erfolg.

Bei der Uraufführung des „Stücks des Jahres 2011“ in München inszenierte Johan Simons den radikalen Monolog auf rohen Brettern, die in den Bühnenraum ragten. Bei Andreas Kriegenburg in Berlin diente eine üppige Sommerwiese als Kulisse. Bachmann dagegen setzt in seinen zwei Stunden auf eine nach vorne gekippte Bühne (Olaf Altmann), die an österreichische Berge ebenso denken lässt wie an eine Welt, die in Schieflage geraten ist. Die Schauspieler hängen fast die gesamte Zeit über an Seilen, zumeist in Winteroutfit, aber auch einmal im Brautkleid, in klassischer Bankercamouflage oder in einer fettleibigen Körperwulst, in der die tolle Barbara Petritsch als absurde Variation der Schriftstellerin selbst die „immer gleiche Leier“ intoniert.

Der Ton der Aufführung, die sich am österreichischen Hypo-Alpe-Adria-Skandal ebenso abarbeitet wie am öffentlichen Umgang mit Natascha Kampusch oder Jelineks eigener Familiengeschichte, schwankt zumeist zwischen Ironie und Melancholie. Für letztere sorgt nicht zuletzt Jan Plewka, der Sänger der Rockband Selig, der Schuberts namengebendem Liederzyklus zur Klavierbegleitung von Felix Huber mit gebrochener, heiserer Stimme eine eigensinnige Schönheit verleiht. Nur das Kapitel über Kampusch fällt aus der Rolle: Das Verlies wird auf der Bühne mit düsterem Seitenlicht angedeutet, während sich die Leute aus dem Off gänsehautfördernd das Maul zerreißen: „Wir wollen hier keine Opfer.“ - „Wer fragt denn nach uns?“

Die Kälte schimmert überall durch, wenn Jelinek über die Vergänglichkeit, die Zeit, die Vergangenheit und die Zukunft, die privaten und die beruflichen Möglichkeiten schreibt. „Hinter der Wahrheit steckt immer ein kluger Kopf, der sie verschleiert“, heißt es da einmal - und man hat das Gefühl, dass eigentlich nicht Jelinek Motive von Schubert ins Heute weitergeschrieben hat, sondern die aktuellen Ereignisse in der österreichischen Politik - von Korruptionsvorwürfen bis zu U-Ausschüssen - eine reale Weiterschreibung des Stücks darstellen. Das Ensemble, mit einem starken Gerrit Jansen sowie Dorothee Hartinger, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann und Rudolf Melichar, wurde bei der Premiere ebenso wie die Regie minutenlang gefeiert.

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(S E R V I C E - Elfriede Jelinek: „Winterreise“, Österreichische Erstaufführung, Regie: Stefan Bachmann, mit Barbara Petritsch, Gerrit Jansen, Dorothee Hartinger, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Rudolf Melichar, Sänger: Jan Plewka. Weitere Termine 9., 17. und 22. April sowie am 16., 18. und 21. Mai. - http://www.burgtheater.at)

(B I L D A V I S O - Fotos zur „Winterreise“ wurden am 4. April über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar)


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