In Rumänien sollen Kindergärten die Roma aus der Armut holen

Araci (APA/AFP) - Voller Stolz präsentieren die Kinder im zentralrumänischen Araci ihr Wissen. Auf die Frage, welche Vögel im Frühling zurüc...

  • Artikel
  • Diskussion

Araci (APA/AFP) - Voller Stolz präsentieren die Kinder im zentralrumänischen Araci ihr Wissen. Auf die Frage, welche Vögel im Frühling zurückkehren, rufen sie „Störche und Schwalben“. Dann zählen sie bis 20. Was für viele Kindergartenkinder in Westeuropa selbstverständlich ist, bietet den Kleinen der rund zwei Millionen Roma im Land die einzige Chance, einem Leben in Armut zu entfliehen. 2010 startete die Nichtregierungsorganisation Ovidiu Rom hier, in einem der ärmsten EU-Mitgliedsländer, das Projekt „Jedes Kind in den Kindergarten“.

Für Szilard Dullo, Rektor der Schule von Araci, ist frühkindliche Bildung ein „wichtiger Schritt im Kampf gegen den Teufelskreis aus Armut - Schulversagen - Armut“. Rumänien hat nach Zahlen des europäischen Statistikamts (Eurostat) EU-weit mit fast 49 Prozent die höchste Armutsrate bei den unter 17-Jährigen. Zum Vergleich: Für alle EU-Länder liegt dieser Wert bei 27 Prozent. Nach Angaben des rumänischen Bildungsministeriums erreichen nur drei Prozent der Roma-Kinder eine höhere Schule. Oft sind die Eltern Analphabeten, viele leben in bitterer Armut.

„Wir zeigen, dass jedes Kind erfolgreich sein kann“, sagt Dullo. In der Grundschule des transsylvanischen Ortes wirkt sich das Projekt bereits positiv aus: „Dank des Kindergartens haben wir jetzt Kinder, die einen Stift halten können, Buchstaben malen und mit Büchern vertraut sind.“

Mit Anreizen und verstärkter Aufklärung wird Familien unter der Armutsgrenze der Kindergartenbesuch schmackhaft gemacht: Bedürftige Familien erhalten Coupons für Kleidung und Nahrungsmittel im Wert von zwölf Euro pro Monat, wenn sie ihre Kinder täglich in den Kindergarten schicken. Seither liegt die Anwesenheitsquote bei 89 Prozent. In zwei Jahren hat sich die Zahl der Anmeldungen von 89 auf 190 mehr als verdoppelt.

Die Roma von Araci und im benachbarten Weiler Hetea leben in Holzhütten ohne fließendes Wasser oder Kanalisation. Statt Dächern sind oft nur Plastikplanen zu sehen. Der fünfjährige Costel haust zusammen mit drei Brüdern und seinen Eltern in einem einzigen Raum. Die zwei Jüngsten schlafen in einem Bett und waschen sich morgens mit kaltem Wasser, das die Mutter an einer Pumpe in der Nähe holt. Manchmal muss sie dafür eine Stunde anstehen. Wie 1.600 der 4.000 Menschen in Araci und den Nachbardörfern lebt die Familie von Gelegenheitsjobs und Sozialleistungen.

„Seit die Jungs zur Schule gehen, benehmen sie sich besser“, sagt Costels Mutter Aurica Koskodar. „Sie sagen Gedichte auf. Ich hoffe, dass sie ein besseres Leben haben als wir.“ Finanziert wird das Programm über Spenden. Um einen grundlegenden Wandel einzuleiten, soll es 20 Jahre laufen. Die rumänische Bildungsexpertin Maria Gheorghiu entwickelte es zusammen mit der Leslie Hawke, der Mutter von Hollywoodstar Ethan Hawke, die 2001 als Entwicklungshelferin nach Rumänien kam. „Ein Kind im Kindergarten kostet nur 440 Euro im ganzen Jahr“, betonen sie. Heute nehmen 1.400 bedürftige Kinder in 20 Dörfern teil.

Auch die Lehrerin Iuliana Pargaru ist inzwischen überzeugt. „Als ich hierher kam, prophezeite mir eine Kollegin, die Roma würden sich nicht für die Schule interessieren. Aber im Gegenteil, die Eltern unterstützen mich, so viel sie können“, sagt sie. Ein Mal monatlich werden diese zu gemeinsamen Aktivitäten in den Kindergarten eingeladen. „Es ist nicht so, dass die Roma traditionell nicht zur Schule gehen“, bestätigt Dullo. „Manche Eltern hatten allerdings Angst davor - jetzt haben wir ein besseres Verhältnis zu ihnen. Sie kommen mit Ideen und Vorschlägen.“


Kommentieren