Historiker Gross nennt Grass-Gedicht einen „Hassgesang“

Berlin (APA/AFP) - Der Schweizer Historiker Raphael Gross hat das Israel-kritische Gedicht von Literatur-Nobelpreis-Träger Günter Grass als ...

  • Artikel
  • Diskussion

Berlin (APA/AFP) - Der Schweizer Historiker Raphael Gross hat das Israel-kritische Gedicht von Literatur-Nobelpreis-Träger Günter Grass als „Hassgesang“ bezeichnet. Dennoch sei es nicht leicht, den Schriftsteller als Antisemiten zu bezeichnen, schrieb Gross in einem Gastbeitrag in der „Berliner Zeitung“ vom Samstag.

Der aus dem 19. Jahrhundert stammende Begriff des Antisemitismus sei von Anfang an äußerst unklar und eng gefasst gewesen. „Heute gibt es nur noch wenige Menschen, die ihren Judenhass offen als Antisemitismus bezeichnen würden und die, die es tun, sind meist politisch irrelevant“, schrieb Gross.

Der Leiter des Leo-Baeck-Instituts in London sowie des Jüdischen Museums Frankfurt am Main verwies darauf, dass aus der NS-Zeit stammende moralische Urteilsformen weiter wirkten. „Diese schreckliche Mentalität - nicht der offene Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, diese direkt aus dem Nationalsozialismus in Deutschland zwischen 1933 und 1945 erwachsene ‚Moral der Volksgemeinschaft‘ ist es, deren Echo wir leider immer und gar nicht so selten hören, wenn wir der Generation von Grass nur genau zuhören“, schrieb Gross.

Der israelische Historiker Tom Segev warf dem Literatur-Nobelpreisträger Grass vor, seine Kritik an Israel sei substanzlos. Auch habe Grass keineswegs ein Tabu gebrochen, indem er das israelische Kernwaffen-Arsenal thematisiere. In Israel werde seit Monaten über einen präventiven Militärschlag diskutiert, „Grass fügt dem nichts hinzu“, schrieb Segev in der „Berliner Zeitung“.

TT-Geburtstag: Jetzt eine von 76 Torten gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet automatisch.

Auch Segev nahm Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. „Sie haben ein ziemlich erbärmliches Gedicht geschrieben“, wandte sich Segev direkt an Grass, „aber Sie sind nicht antisemitisch. Sie sind nicht einmal anti-israelisch.“

Der Autor und Dramatiker Rolf Hochhuth schrieb in einem an Grass gewandten Beitrag für den „Münchner Merkur“ vom Samstag, er schäme sich „als Deutscher Deiner anmaßenden Albernheit, den Israelis verbieten zu wollen, ein U-Boot deutscher Produktion zu kaufen, das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden!“

Grass hatte in seinem am Mittwoch veröffentlichten Gedicht „Was gesagt werden muss“ der israelischen Regierung vorgeworfen, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Dabei ging es vor allem um die Möglichkeit eines Angriffs Israels auf iranische Atomanlagen.


Kommentieren