Barrierefreiheit als Menschenrecht

Alles, was gebaut wird, sollte prinzipiell für alle Menschen zugänglich sein, ist der deutsche Architekt und Architekturtheoretiker Philipp Meuser überzeugt. Nachzulesen in seinem Buch „Barrierefreies Bauen“.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Was der 90-jährige Rollstuhlfahrer braucht, um am täglichen Leben überhaupt teilnehmen zu können, stimmt in den meisten Fällen auch für die junge Mutter mit Kinderwagen oder das Sportunfallopfer: barrierefrei Gebautes. Dass alle Architekturen prinzipiell für alle Menschen zugänglich sein sollten, ist der Berliner Architekt Philipp Meuser überzeugt. Um nun das Handbuch „Barrierefreies Bauen“ herauszugeben, das das Zeug zur wertvollen Planungshilfe für potenzielle Bauherren hat.

Sein einleitender Essay ist ein überzeugendes Plädoyer für den Abschied von der oft alibihaft daherkommenden Behindertenrampe. Ist für Meuser barrierefreies Bauen doch fast so etwas wie ein Menschenrecht. Laut seiner Recherche ist eine ohne Schwellen, Stufen und Treppen zugängliche Umwelt doch für zehn Prozent der Menschen in der EU zwingend erforderlich, für rund 40 Prozent immerhin notwendig und für 100 Prozent schlicht und einfach komfortabel.

Wobei diese Entwicklung angesichts der demographischen Entwicklung in der westlichen Welt in den kommenden Jahrzehnten sich noch zuspitzen wird. Werden die Menschen doch immer älter, ihre Mobilität dank ausgeklügelter Hilfsmittel ständig besser – sofern die Bauwelt mitspielt. Gefragt sind innovative, flexible, generationenübergreifende Konzepte.

Was absolut nicht zwingend mit Konzessionen an die formalen Qualitäten von Architektur einhergehen muss, wie Meuser anhand von ausgewählten Beispielen aus den Bereichen „Öffentliche Bauten“, „Altenpflegeheime“, „Einfamilienhäuser“ und „Öffentlicher Raum“ vorführt. Um Kunst für alle barrierefrei zugänglich zu machen, hat das Architektenteam schmidt hammer lassen etwa für das Museum im dänischen Århus eine Trampe erfunden. Ein raffinierter Zwitter aus Treppe und Rampe, der den Außen- mit dem zehngeschoßigen Innenraum verbindet.

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Wie man eine Schule für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche maßschneidert, führt das Berliner Büro Georg Scheel Wetzel Architekten in Regensburg mustergültig vor. Sämtliche Räume greifen hier schwellenlos ineinander, Handläufe in unterschiedlichen Höhen erleichtern die Orientierung.

Die Anforderung einer barrierefreien Schule erfüllt aber auch das vom Atelier Heiss geplante Gymnasium in Wien-Hirschstetten genauso wie das zum Museum umgebaute neugotische Schloss Stolzenfels bei Koblenz. Womit bewiesen wird, dass historische Bausubstanz eine behindertengerechte Adaptierung nicht – wie oft als Alibi vorgeschoben – unmöglich macht. Sofern auch die Denkmalschützer sich damit anfreunden können, sinn- und kunstvoll Alt und Neu zu verbinden.

Eine ganz spezielle Rolle spielt Barrierefreiheit naturgemäß beim Bau von Wohnanlagen für Senioren bzw. Altenpflegeheimen. Hier gilt es ganz besondere Vorgaben zu bedenken, um die Mobilität ihrer Bewohner so lange wie möglich zu erhalten, selbst im Rollstuhl oder im Pflegebett. Wie diese Vorgaben auf unterschiedlichste Weise exzellent gelöst werden, führt das Buch vor. Genauso wie Einfamilienhäuser, die für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geplant sind. Aber auch im öffentlichen Raum ist ein Umdenken längst überfällig. Um ein barrierefreies Überqueren von Straßen und Geleisen geht es hier, um ein Nachdenken über Bedienungselemente etwa bei Fahrstühlen, die nicht den gesunden Norm-Erwachsenen zum Maß aller Dinge nehmen.

Meusers Buch informiert aber auch über die speziellen Planungsanforderungen bei bestimmten Behinderungen und Krankheiten. Fast die Hälfte der 408 Seiten ist den – deutschen – Bauvorschriften im Zusammenhang mit öffentlichen Bauten gewidmet. Sinnvoll ergänzt durch Kommentare anhand ganz konkreter Beispiele, etwa der barrierefreien Umgestaltung des denkmalgeschützten Berliner Bodemuseums.


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