Türkei: Luftangriffe auf syrische Abwehrstellungen im Gespräch

Nach dem Abschuss eines Militärjets werde es zwar keinen Krieg geben, aber Syrien werde auch nicht straflos davonkommen, heißt es in der Zeitung „Hürriyet“.

Von Susanne Güsten/APA

Istanbul - Offiziell war es nur die normale wöchentliche Sitzung des türkischen Kabinetts, die da am Montag unter Vorsitz von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara tagte. Doch außer dem Termin war nichts normal. Das Thema Syrien und die möglichen Reaktionen der Türkei auf den Abschuss ihres Militärjets durch den Nachbarn am vergangenen Freitag bestimmten die Tagesordnung. In der Presse wurde heftig über mögliche Luftangriffe der Türkei auf syrische Stellungen an der Grenze spekuliert. Deshalb sorgte die Teilnahme eines Generals namens Ates Mehmet Irez an der Ministerrunde für Aufregung. Irez ist nicht irgendwer. Er ist Chef der Abteilung „Operationen“ in der Leitung der türkischen Luftwaffe.

Nach dem Abschuss der Maschine im östlichen Mittelmeer werde es zwar keinen Krieg geben, aber Syrien werde auch nicht straflos davonkommen, beschrieb die Zeitung „Hürriyet“ am Montag die Reaktion der Türkei. In Kommentaren war viel davon die Rede, dass die Türkei als aufstrebende Regionalmacht so etwas wie den Abschuss einer Militärmaschine nicht unbeantwortet lassen könne. Während General Irez am Kabinettstisch Platz nahmen, unterrichtete Luftwaffenchef Mehmet Erten den Staatspräsidenten Abdullah Gül.

Aber was Ankara an Plänen in den Schubladen hat, blieb zunächst unklar. Die Zeitungen präsentierten ihren Lesern Planspiele, nach denen türkische Jets mit absichtlichen Verletzungen des syrischen Luftraums einen erneuten Beschuss provozieren könnten, um anschließend die syrische Luftabwehr massiv bombardieren zu können. Ob das wirklich zu den Optionen gehört, weiß niemand so genau. Erdogan wurde mit den Worten zitiert, ein großer Staat wie die Türkei werde sich nicht dazu herablassen, „nach Stechmücken zu schlagen“.

„Gesamte Verantwortung bei Syrien“

Fest steht, dass die Türkei sich nach dem Vorfall vom Freitag um eine möglichst breite internationale Unterstützung bemüht. Diplomaten aus EU-Staaten und NATO-Ländern erhielten in Ankara detaillierte Briefings über den Vorfall, bei dem laut dem türkischen Außenministerium „die gesamte Verantwortung bei Syrien“ lag. Bei den Kontakten kam nach Angaben aus diplomatischen Kreisen auch ans Licht, dass die Syrer angeblich drauf und dran waren, noch eine zweite türkische Maschine unter Beschuss zu nehmen: Ein zur Absturzstelle des abgeschossenen Jets entsandtes Suchflugzeug der türkischen Luftwaffe wurde demnach vom Radar der syrischen Luftabwehr erfasst.

Breite internationale Unterstützung ist auch das Hauptziel für Ankara bei der Sitzung der NATO zu dem Vorfall an diesem Dienstag. Konkrete Hilfe der Allianz - etwa bei etwaigen Vergeltungsschlägen gegen Damaskus - erwartet die Türkei nicht. Wohl aber Verständnis für die Lage, in der sich das Land befindet.

Die Bündnispartner sollen ein Gefühl dafür bekommen, welch ständiger Gefahr das Mitglied wegen der Unruhen in Syrien ausgesetzt ist. Im April wurde türkisches Territorium von Syrien her beschossen, zwei syrische Flüchtlinge starben. Zudem hat Ankara nach eigenen Angaben in Erfahrung gebracht, dass Damaskus die Kurdenrebellen von der PKK in Syrien willkommen heißt. Zwei PKK-Mitglieder reisten nach türkischen Angaben vor wenigen Wochen aus Syrien mit 40 Kilogramm Plastiksprengstoff in die Türkei ein; bevor sie das eigentliche Ziel ihres geplanten Anschlagzieles erreichen konnten, zündeten sie die Bombe vorzeitig, weil sie von der Polizei verfolgt wurden. Die beiden Rebellen und ein Polizist wurden getötet.

Flüchtlingsansturm wächst

Unterdessen wächst auch der Ansturm von syrischen Flüchtlingen in die Türkei. Zuletzt kam eine Gruppe von mehr als 30 syrischen Deserteuren, darunter ein General, zusammen mit ihren Familien über die Grenze. Inzwischen werden rund 33.000 Menschen in türkischen Flüchtlingslagern versorgt.

Seit sie im vergangenen Sommer wegen der anhaltenden Gewalt der Regierung gegen die Protestbewegung mit ihrem früheren Partner Syrien brach, unterstützt die Türkei aktiv die syrischen Regimegegner. Der zivile Dachverband Syrischer Nationalrat (SNC) darf von Istanbul aus zum Sturz des Assad-Regimes aufrufen. Auch die Anführer der aus Deserteuren gebildeten Rebellentruppe „Freie Syrische Armee“ (FSA) sitzen in der Türkei. Nach Presseberichten läuft zumindest ein Teil der Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen über türkisches Gebiet. Der Zwischenfall vom Freitag war möglicherweise noch nicht der Höhepunkt der Spannungen zwischen der Türkei und Syrien.


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