Aufklärung am Puls der Zeit

Die Sexologin Ann-Marlene Henning plaudert so locker über Sex wie andere über Kochrezepte. Sie meint, Jugendliche von heute seien schlechter aufgeklärt denn je. Um das zu ändern, verfasste sie ein modernes Aufklärungsbuch.

Wie erklären Sie sich, dass man heute oft den zweifelhaften Titel der „Generation Porno“ hört?

Ann-Marlene Henning: Jeder kann heutzutage online Pornos anschauen – und sehr viele nutzen diesen „Service“. Allerdings werden dadurch falsche Rollenbilder vermittelt. Pornoseher meinen, die Frau hält einfach nur hin und Männer sollten sie möglichst bedrängen. Das würde beiden Genuss bereiten. Eine dänische Neurologin sagte einmal: „Erotik ist es, wenn man mit einer Feder streichelt. Porno ist, wenn man das ganze Huhn nimmt.“

Hat die omnipräsente Erotik in den Medien einen ähnlich negativen Effekt auf die sexuelle Entwicklung von Teenagern?

Henning: Ja. Und auch wenn gebildete oder reifere Jugendliche sehr wohl wissen, dass diese Werbebilder und Filme nicht der realen Welt entsprechen, sind sie doch ein Problem – sie hinterlassen nämlich Spuren im Gehirn.

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Ihr „Aufklärungsbuch“ kommt zum Fazit, dass Jugendliche der Meinung sind, sie wüssten viel mehr über Sexualität als früher, in Wirklichkeit wüssten sie jedoch deutlich weniger.

Henning: Sich fortpflanzen – das kann jeder von Haus aus. Gute Sexualität dagegen muss man erst erlernen. Allerdings erwerben die meisten ihr Wissen durch jahrelanges Konsumieren von Pornos, bevor es zur Sexualität mit einem Partner kommt. Wie es „in echt“ geht, mit Liebe und viel Gespür, das sagt ihnen keiner.

Überraschend viele wissen sexuell Grundlegendes nicht. Klienten unterschiedlichen Alters suchen meine Sexual- und Paartherapie in Hamburg auf, weil sie nicht wissen, wie ihr Körper bei Erregung funktioniert. Sie sind so verspannt, dass Sex Schmerzen verursacht oder gar nicht klappt. Oft kommen über 30-jährige Frauen zu mir, die bereits Kinder haben und jetzt endlich lernen wollen, wie man Sex genießen kann.

Wie definieren Sie ein erfülltes Sexleben?

Henning: Wenn beide Spaß und Genuss empfinden. Dafür braucht man Gespür und Wissen über den eigenen Körper und die Lust, den anderen zu erforschen. Humor und Spielfreude helfen dabei sehr.

Wie wurden Sie aufgeklärt und wie locker behandeln Sie das Thema mit Ihrem Sohn?

Henning: Über Fortpflanzung wurde ich in der Schule in Dänemark aufgeklärt. Die Aufklärung zu Hause gab es nicht nur durch Gespräche, sondern eher dadurch, dass ich sehen konnte, wie meine Eltern sich küssen und anfassen, sich Komplimente machen. Bei uns herrschte eine entspannte Grundstimmung, so dass ich immer das Gefühl hatte, alles fragen zu können – und genau dies auch tat! Eben diese Stimmung ist mir mit meinem Sohn auch sehr gelungen.

Was läuft falsch an der heutigen Aufklärung?

Henning: Der Spaß fehlt! Man schildert Kindern nur, welche Krankheiten man sich zuziehen kann oder wie man richtig verhütet. Niemand sagt, wie man eine Beziehung aufrecht hält, was Liebe ist, wie man Sex genießen kann.

Wie lauten Ihre Verbesserungsvorschläge?

Henning: Das Gehirn ist das größte Geschlechtsorgan. Gute Sexualität wird also gelernt. Und momentan muss sich das jeder selbst beibringen. Das ist schade, weil es viele Möglichkeiten gäbe, es komplett anders zu machen. Es muss ein Umdenken stattfinden: Weg vom Tabu, hin zum Reden. Etwa könnte es ein Schulfach namens „Sexualität, Liebe, Beziehung“ geben. Schüler müssen erfahren, wie man besser streitet, wie man miteinander redet oder was typische Beziehungsfehler sind – auch das sind Aufklärungsaspekte.

Gibt es Länder, in denen bereits auf so moderne Weise aufgeklärt wird?

Henning: In England entwickelte man als Reaktion auf die hohe Zahl an Teenagerschwangerschaften ein neues Fernsehkonzept: „Aufklärung gegen Porno“. Dort werden Schüler auf humoristische Weise ganz entspannt über Physisches und Emotionales aufgeklärt. Außerdem mussten sich britische Eltern im Kino die erotischen und gewalttätigen Sendungen ansehen, die ihre Kinder den ganzen Tag konsumierten.

Wegen der heftigen Szenen brachen viele Eltern in Tränen aus. Oder sie reagierten mit großer Wut, weil sie nicht glauben wollten, dass ihre Kinder solche Dinge freiwillig ansehen. In Schweden sind Freier die Kriminellen, nicht Prostituierte. In Norwegen bezahlt der Staat allen, die ihr Baby im Krankenhaus zur Welt bringen, zehn präventive Paartherapiestunden.

Das Gespräch führte Judith Sam


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