Alle buhlen um die Jungen, die Piraten aber kommen besser an

Die Piraten sind auf dem Vormarsch. Wären jetzt Wahlen, würden 12 Prozent der 16- bis 29-jährigen Österreicher diese wählen. Das zeigt das Institut für Jugendkulturforschung.

Von Liane Picher und

Christian Willim

Innsbruck –Die Politik scharrt in den Startlöchern. 2013 wird in Tirol ein neuer Landtag gewählt. Und auch die Nationalratswahlen sollen im kommenden Jahr über die Bühne gehen. Für den Großteil der 5c-Klasse am Innsbrucker Gymnasium Adolf-Pichler-Platz steht dann eine Premiere an, sind sie doch erstmals in ihrem Leben aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Aber unter den bald 16-Jährigen scheint die Stimmung nicht viel besser zu sein als bei vielen Erwachsenen. Für Elsa steht etwa jetzt schon fest: „Ich wähle das geringste Übel.“ Welche Partei das für sie verkörpert, weiß die 15-Jährige noch nicht. Auch bei Mitschülerin Julia regiert der Politfrust. „Man hat das Gefühl, dass die nur herumsitzen und nichts tun.“

Euphorie sieht anders aus. Aber zumindest die FPÖ und die Grünen konnten bislang immer mit den Stimmen der jungen Wählerschaft rechnen. Doch in diesem Becken fischt nun ein neuer Konkurrent: die Piraten.

Wären am Sonntag Wahlen, würden 12 Prozent der 16- bis 29-jährigen Österreicher die Piraten-Partei wählen. In Deutschland wären es unter derselben Altersgruppe überhaupt 23 Prozent. Zu diesen Zahlen kommt eine vom Institut für Jugendkulturforschung im Mai durchgeführte Repräsentativ-Umfrage unter 1526 Jungwählern in Österreich und Deutschland. 16- bis 29-Jährige sehen die Piraten dabei als Jugend-, Internet-, Transparenz- und Mitbestimmungspartei. Darüber hinaus ist die Piraten-Partei bei Jungwählern als „junge Bürgerrechtsbewegung“ positioniert: „Die Sympathisanten der Piraten sind offensichtlich junge Menschen, die empfinden, dass die Vorteile der Individualisierung, z. B. die Befreiung des Einzelnen von staatlichen und gesellschaftlichen Zwängen, die Nachteile, wie den Verlust von solidarischer Gemeinschaftlichkeit, bei Weitem aufwiegen“, sagt der Wiener Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier.

Die Kernkompetenz der Piraten ist der Schutz des Einzelnen vor staatlichen Zugriffen und Einschränkungen. Als neue Dis-kurspartei steht sie für das Angebot, Argumente auszutauschen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie entspricht damit genau jenem Lebensgefühl, das viele Jugendliche heute haben. Und zwar in allen Schichten.

Anders als etwa bei der FPÖ, die vor allem Jugendliche aus unteren Bildungsschichten anzog bzw. anzieht, kommen die Piraten laut Erhebung bei allen an – egal, ob Lehrling oder Student.

Dass Jungwähler offensichtlich gerne mit den Piraten segeln möchten, ist ein Trend, der den Politologen Peter Filzmaier nicht weiter verwundert. „Wer, wenn nicht die Jungen, sollte so eine Partei wählen?“ Für sie seien vor allem Akteure abseits des Mainstreams interessant. „Und wer kann weniger Mainstream sein als eine neue Partei?“

In der 5c-Klasse ist indes kein eindeutiger Rückenwind für die Piraten auszumachen. Auch wenn Felix meint: „Ich finde es gut, dass da jeder mitbestimmen darf.“ In einem sind sich die Schüler jedoch einig. Wirklich gut informiert, um eine fundierte Wahlentscheidung treffen zu können, fühlen sie sich nicht: „Was wir in der Schule an politischer Bildung bekommen, reicht nicht aus“, ist etwa Rosalie überzeugt.

Es scheint sich also nicht viel getan zu haben seit der letzten Landtagswahl im Jahr 2008. Damals durften erstmals 16-Jährige wählen. Die Bundesregierung rief eine Demokratie-Initiative aus. Sie sah etwa vor, dass bereits in den vierten Klassen von AHS und Hauptschulen erstmals Geschichte gemeinsam mit politischer Bildung unterrichtet wird. So sollten die Jungwähler das Rüstzeug für ihre Entscheidung bekommen. „Die Anfangsbereitschaft, Ressourcen zu investieren, ist seither aber nachhaltig zurückgegangen“, zieht Filzmaier ernüchtert Bilanz. Dabei hätte die Politik Werbung in eigener Sache dringend nötig, wie die ständig sinkende Wahlbeteiligung zeigt.

Zumindest die Schüler der 5c wollen von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen. „Es hat Leute gegeben, die für das Recht, wählen zu dürfen, gekämpft haben“, erklärt etwa Anna ihre Motivation. „Aber Wählen ist nichts, worauf ich mich freue.“


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