Schwere Kindheit in Kriegszeiten

Lisa Ohlins Kinoadaption des Bestsellers „Simon“ erzählt vom Antisemitismus in Schweden.

Innsbruck –Filme über den Holocaust lösten bis in die siebziger Jahre immer wieder Skandale aus und so lange galt auch in Synchronstudios eine freiwillige Sprachregelung. Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren nur Nazis und niemals Deutsche verantwortlich zu machen. Dieser Zensur fiel sogar Alfred Hitchcocks „Notorious” zum Opfer. Alte Nazis, die im Film von 1946 mit Uran handelten, verwandelte die deutsche Fassung bis 1969 in Drogenhändler ohne politischen Hintergrund. Auch in Lisa Ohlins Verfilmung von Marianne Fredrikssons Roman „Simon” endet das Grauen nicht 1945.

Simon (Bill Skarsgård als Erwachsener) kränkt mit seinen musischen Neigungen seine Eltern, denn die Larssons besitzen nicht viel mehr als ihren proletarischen Stolz und ein Geheimnis. Simon wurde als Sohn von Erik Larssons Schwester und einem deutsch-jüdischen Musiker nach der Geburt von Erik (Stefan Gödicke) und Karin (Helen Sjöholm) adoptiert. Wegen der antisemitischen Stimmung in der schwedischen Provinz schien es ratsam, diesen Hintergrund zu verbergen. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg und die Nazis in Skandinavien erwarten sehnsüchtig die Einnahme ihrer Länder durch diese Heilsbringer. Schweden kann zwar den neutralen Status bewahren, dennoch herrscht im Königreich ein Klima der Angst. Durch sein Einstehen für den jüdischen Mitschüler Isak gewinnt Simon die Sympathie von dessen Vater Ruben (Jan Josef Liefers), der mit seiner Familie aus Berlin fliehen konnte. Während Isak unter den antisemitischen Demütigungen der Mitschüler verstummt, avanciert Simon zum Protegé des wohlhabenden Deutschen. Allerdings finden sich alle Protagonisten nach der Niederschlagung des Naziterrors im falschen Leben. Die Larssons wollten gar nicht das Judenkind beschützen, sondern sich nur den Kinderwunsch erfüllen. Simons Mutter hätte ein anderes Leben führen können, wenn sie den deutsch geschriebenen Brief von Simons Vater hätte lesen können. Ruben hätte ein glücklicher Mann werden können, wenn seine große Liebe nicht der Sicherheit wegen einen SS-Offizier geheiratet hätte, um dann doch in Auschwitz vergast zu werden.

Auf berührende Weise erzählt Lisa Ohlin vom Prozess des Verdrängens und Vergessens, denn den überlebenden Opfern des Nazi-Regimes wurde nachträglich die Opferrolle zum Vorwurf gemacht. Mit diesem Vorwurf möchte Simon leben. Als Erwachsener entscheidet er sich für seine jüdische Identität und mit einer berührenden Geste verzeiht er seiner Adoptivmutter, denn es sind oft nur kleine Details, die eine Biografie glücken oder scheitern lassen. (p. a.)

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