Der Kraterrand ist nicht genug

Auf Island gibt es seit ein paar Wochen eine besondere Attraktion. Konnten Touristen bislang nur auf den Vulkanen wandern, so können sie nun sogar das Innere erkunden. Ein Bericht aus dem Bauch eines Feuerbergs – der allerdings vor 4000 Jahren das letzte Mal ausgebrochen ist.

Der Karabiner des Sicherungsseils klackt zu. „Und los“, sagt der Guide. Sanft, aber bestimmt schiebt seine Hand die Besucher in Richtung Steg. Und die Füße gehorchen: ein erster Schritt auf dem Steg. Auf diesem Stahlkonstrukt, das so schmal und so lang ist, wie die Sprungbretter im Schwimmbad. Dann ein zweiter. Der sichere Boden ist weg. Stattdessen links und rechts des Geländers nur Schwarz. Noch zwei Schritte, einer. Am Ende des Stegs wartet eine Leiter. Umdrehen, drei Sprossen nach unten klettern. Der Stahlkorb ist erreicht. Er schwebt im Krater des Vulkans.

Erstmals ist es in diesem Sommer auf Island möglich, einen Vulkan von innen zu sehen. Sein Name ist unaussprechlich: Thrihnukagigur. Er liegt 40 Autominuten und eine knappe Stunde Gehzeit von Islands Hauptstadt Reykjavik entfernt in einer Region mit lauter aktiven Vulkanen. Doch während die anderen Vulkane in ihrem Inneren geschmolzenes Gestein kochen und gelegentlich ausbrechen, ist Thrihnukagigur inaktiv und seit seinem letzten Ausbruch vor 4000 Jahren von innen hohl.

Er scheint dafür gemacht, in ihn hineinzuklettern. Doch natürlich kann man das nicht so einfach: Über den Krater im Gipfel geht es mit einer Art Lift 120 Meter in die Tiefe bis zum Boden der Magmakammer. Dabei ist das Wort Lift ein Euphemismus: Quer über den Krater ist eine Art Leiter gelegt, an der ein Stahlseil mit dem Stahlkorb hängt. Unten ist nichts als Schwarz. Es scheint, als habe das Loch keinen Boden. Rechts im Korb stehen zwei Teenager aus New York mit ihrem Vater. Links Guide Einar Stefánsson. Auf seinem Kopf sitzt, wie beim Rest der Gruppe, ein Sicherheitshelm mit einer Lampe. An den Hüften hängt ein Klettergeschirr, das über ein Sicherheitsseil am Geländer des Lifts befestigt ist. Der Motor springt an, ein lautes Surren erklingt und der Korb setzt sich ruckelnd in Bewegung.

Auf den ersten Metern kommt der Lift gut voran. Das Loch ist breit. Der Stahlkorb passt gut hindurch. Doch bald verengt sich der Krater. Nun ist der Korb auf allen vier Seiten unmittelbar vom Fels umgeben. Um den Stein zu berühren, muss man nicht einmal den Arm ganz ausstrecken. Der Fels ist kalt und feucht. Zweimal muss der Guide den Lift stoppen, um ihn durch die schmale Stelle zu navigieren.

Als die schmale Stelle vorbei ist, geht es zügig weiter in die Tiefe. Nach ein paar Metern verbreitert sich der Krater wieder. Und nun tut sich ein Raum von ungeheurer Größe auf. Es ist, als würde man sich in einem Dom von der Spitze der Kuppel abseilen. Plötzlich färbt sich der Fels feuerrot. Als hätte er gebrannt. Ein paar Meter weiter wird er gelblich, orange. Und ist das da hinten Lila? Um alles zu sehen, reißt die Gruppe die Köpfe im Sekundentakt von rechts nach links. Dann setzt der Korb auf dem Boden auf. Sieben Minuten hat die Fahrt mit dem Lift zum Boden der Magmakammer gedauert, sagt die Uhr. Gefühlt war es eine Minute.

Und nun steht die Gruppe in diesem Raum, der in allen Farben leuchtet. Wie glühende Kohle in einem Grill wirken die Farben an den Wänden. Der Boden ist ein Teppich aus Felsbrocken. Die Kammer hat einen Durchmesser von gut 80 Metern. 120 Meter hoch ist sie. Die Öffnung nach draußen scheint von hier unten nicht größer zu sein, als ein Ein-Euro-Stück. Von den Wänden tropft Wasser. Es ist kalt. Für einen Moment sind alle ruhig. Flutlichter lassen die Höhle in fast allen Farben des Regenbogens schimmern.

Irgendwo hier ist das geschmolzene Gestein aus dem Erdinneren gekommen. Der Einzige, der gelassen dem ganzen Treiben zusieht, ist Einar Stefánsson. Er hockt auf einem Stein und wartet darauf, dass die 40 Minuten vergehen, nach denen er die Gruppe wieder nach oben fährt und neue Touristen hinunterbringt. Stefánsson ist einer von den drei Ingenieuren, die die Tour in den Vulkan veranstalten. Seit Anfang Juni hat er schon 300 Touristen hier heruntergebracht. Bis Ende August, wenn sie wegen des Wetters aufhören müssen, werden es über 1000 sein.

Mit seinen Handschuhen und der Winterjacke ist Stefánsson der Einzige, der den Temperaturen in der Höhle gemäß angemessen angezogen ist. Sein Bruder Árni B. Stefánsson war es, der die Magmakammer des Vulkans 1974 entdeckte. Árni sei immer verrückt nach Höhlen gewesen, erzählt Stefánsson. In jedes Loch auf Island sei er hineingeklettert – immer in der Hoffnung, eine Höhle zu finden. Und so war es kein Wunder, dass er auch in den Krater von Thrihnukagigur kletterte, als er ihn bei einer Wanderung durch die Lavafelder entdeckte. Freunde seilten ihn die 120 Meter ab. Viele Jahre schrieb sein Bruder dann über seinen Fund. Und so gab es immer wieder Vulkanologen oder Geologen, die sich in die Höhle abseilten. Doch für Touristen war sie nicht zugänglich. Das änderte sich erst, als 2011 ein Filmteam in der Magmakammer drehen wollte. Da sie das Equipment schlecht abseilen konnten, beauftragten sie Ingenieure mit der Konstruktion eines Lifts.

Mit diesem bringt Stefánsson diesen Sommer nun die Touristen in die Tiefe. Und geht es nach ihm, werden es noch mehr. Denn Stefánsson hat einen Antrag bei der Stadt Reykjavik gestellt. Sein Plan ist es, einen Tunnel vom Fuß des Vulkans in die Magmakammer hineinzugraben. Dann könnten die Touristen bald schon in Scharen die Höhle bestaunen. Doch noch ist die Genehmigung ungewiss. Sicher ist nur: Die Liftkonstruktion wird es im kommenden Sommer nicht mehr geben. Einar Stefánsson steht auf. Die 40 Minuten sind um. Es geht zurück an die Erdoberfläche. Schon hebt der Lift wieder ab. Der Blick richtet sich erwartungsvoll nach oben. Gar nicht schnell genug kann es nach oben gehen. Weg vom Mittelpunkt der Erde und dem Sonnenlicht entgegen. (APA)


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