Zwischen Hilfe und Hilflosigkeit

Wer im Sozialbereich arbeitet, hat beruflichen Einfluss auf das Leben anderer. Eine Verantwortung, die den Arbeitsalltag belasten kann – trotz guter Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter.

Von Stefan Bradl

Kufstein –Entscheidungen gehören in zahlreichen Berufen zum Alltag. Meist geht es dabei um ökonomische Erwägungen – welches Produkt bietet man an, welche Werbekampagne wirkt am besten, welcher Markt enthält Potenzial? Die Entscheidungen im sozialen Bereich – von Richterinnen, Medizinern, Lehrern oder Sozialarbeiterinnen – hingegen haben ganz konkret Einfluss auf eine bzw. mehrere Personen. Diese Berufe können daher manchmal richtig nahegehen.

Zoom zur Jugendwohlfahrt der BH Kufstein. Wie üblich beginnt der Tag von Referatsleiter Georg Mitterer mit einer Sammlung von Meldungen. Schulen, Ärzte, andere Systempartner und immer wieder auch Nachbarn berichten von Entwicklungen und Auffälligkeiten. „Im Grunde startet ab hier ein erster Entscheidungsprozess: Wie gehen wir der Meldung nach? Kündigen wir unseren Besuch an oder nicht? Hat sich ein Problem zugespitzt? Ist das Kindswohl gefährdet?“

Orientierung bieten Mitterer und seinem Team die Richtlinien des Landes. Ablaufprotokolle skizzieren die Möglichkeiten, nach denen vorgegangen wird. „Viel Wert wird auf die Erstellung eines umfassenden Überblicks über die Situation gelegt. Wichtige Informationen aller beteiligten Stellen sollten in Entscheidungen unbedingt einfließen“, erklärt Reinhard Stocker-Waldhuber von der Landesabteilung Jugendwohlfahrt.

Obwohl sie gut aus- und fortgebildet sind und fachlich durch Team und Leitung begleitet werden, kämen Mitarbeiter durch die hohe persönliche Verantwortung an das Limit ihrer Belastbarkeit. „Es ist wichtig, bei dieser intensiven Tätigkeit für genügend Unterstützung zu sorgen und auch privat einen Ausgleich zu finden, denn die Burnout-Gefahr ist nicht zu unterschätzen“, betont der leitende Sozialarbeiter.

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Dass die berufliche Verantwortung für andere Menschen manchmal einem Balanceakt gleichkommt, bestätigt Maria Gruber-Hatheier. Als Supervisorin kennt sie viele Probleme und Sorgen der im Sozialbereich Beschäftigten. „Soziale Arbeit erfordert oft einen Spagat: Man muss berührbar bleiben von den Nöten der Klienten, gleichzeitig aber die eigenen Grenzen wahren.“

Die meiste Belastung stamme zwar aus der empfundenen Hilflosigkeit, die sich in bestimmten Situationen, Strukturen und Rahmenbedingungen ergibt. Aber auch Entscheidungsprozesse seien regelmäßig Thema in den von ihr geleiteten Einzel- und Teamgesprächen. „Dann geht es um die Planung der nächsten Schritte oder um die Reflexion: War es zu viel, was entschieden wurde, war es zu wenig, was ist weiter notwendig?“

Als Leitlinie gilt dabei das Prinzip der gelindesten Maßnahme, „denn Sozialarbeit will und soll Menschen befähigen und unterstützen, nicht entmündigen“. Erst wenn alle Vorfeldbemühungen scheitern, werden einschneidendere Maßnahmen getroffen. „Und das immer in Abstimmung mit Team und Vorgesetzten, denn die geteilte Verantwortung kann den Druck auf den einzelnen Mitarbeiter reduzieren“, beschreibt Supervisorin Gruber-Hatheier.

Dass ihm sein Beruf immer irgendwie nahegehen wird, das ist Sozialarbeiter Georg Mitterer bewusst. „Schließlich hat man es immer mit menschlichen Schicksalen zu tun.“ Belastender als klare Entscheidungssituationen sind für ihn aber schwer veränderbare Zustände. Wenn er zwar Angebote machen könne, diese aber nicht angenommen würden, oder wenn er der ökonomischen Situation hilflos gegenüber stehe. „Ich finde es wichtig, dass in der umfassenden Ausbildung auch dem Thema Abgrenzung viel Platz gegeben wird.“ Zudem schätzt Mitterer funktionierende Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen und die Möglichkeit zu Inter- und Supervision. Dadurch könne er seinem Beruf weiter mit Kraft und Einsatz nachgehen, ohne die eigene psychische Gesundheit zu stark belasten zu müssen.


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