„An manche Fälle denke ich noch nach Jahren“

Der Gerichtsgutachter Gerald Zernig versucht, bei seiner Arbeit trotz Mitgefühl eine wissenschaftliche Distanz zu wahren.

Hall – Gerichtsgutachter müssen professionelle Dis­tanz wahren – auch wenn menschliche Schicksale nahegehen können. Wenn es um Fragen rund um einen Unfall, um die Glaubwürdigkeit von Zeugen oder um die Zurechnungsfähigkeit eines Angeklagten geht, kommen beeidete Sachverständige wie Gerald Zernig, Mediziner und Psychotherapeut, zu Wort.

Wenn Sie ein Gutachten schreiben – denken Sie dann an den Einfluss, den Ihre Worte auf das Prozessurteil haben können?

Gerald Zernig: Als Psychotherapeut habe ich natürlich Erfahrung damit, dass meine Arbeit emotional hochbesetzte Auswirkungen hat. Beim Erstellen eines Gutachtens erlaube ich mir Mitgefühl. Gleichzeitig orientiere ich mich aber gezielt an den Fakten, die mir für meine Analyse zur Verfügung stehen. Sie sind das Wichtigste, auch weil Prozessparteien meine Empathie zielgenau finden und ausnützen würden.

Sie ziehen sich quasi auf Ihre professionelle Neutralität zurück?

Zernig: Das muss ich sogar, weil ich meine Beurteilung ja vor Gericht zu begründen habe. Wenn ich da in meinem Bericht Aspekte einseitig außer Acht lasse, werde ich von derjenigen Partei, der mein Gutachten nicht passt, in der Luft zerrissen – manchmal nicht mit Sachargumenten, sondern mit Polemiken und Abwertungen.

Wie fühlen Sie sich bei solchen Angriffen auf Ihre Arbeit?

Zernig: Polemiken gehen mir nahe. Ich rufe mir dann in Erinnerung, dass ich mein Gutachten nach bestem Wissen und Gewissen verfasst habe: Ich habe alle Daten nach den Regeln der Medizin berücksichtigt, habe anonymisiert Rücksprache mit Fachkollegen gehalten, habe meine Erfahrungen einfließen lassen und mich dabei aber selbst kritisch hinterfragt. Das gibt mir dann die nötige argumentative Sicherheit.

Finden Sie nach einem Prozesstag wieder rasch zurück in den Alltag?

Zernig: Nach mehr als 50 Gutachten, von der Errechnung der zum Todeszeitpunkt im Körper vorhandenen Drogenmenge bis hin zum Arzneimittelcharakter eines Produktes, sollte ich eigentlich eine dickere Haut haben. Trotz der metaphorischen Teflonschürze, zu der mir ein Kollege geraten hat, denke ich an manche Fälle und Verfahren aber auch noch Jahre später unter großer emotionaler Beteiligung zurück.

Um noch einmal auf Ihren Einfluss auf die Zukunft eines Menschen zurückzukommen. Wie gehen Sie um mit dieser „Macht“?

Zernig: Nicht ich habe Macht, sondern die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Regeln, die ich vertrete. Ich bin zuversichtlich, dass ich den gesellschaftlichen Willen und nicht meine privaten Vorstellungen vertrete. Welches Urteil das Gericht mit Hilfe meines Gutachtens dann findet, das ist dann nicht mehr meine Entscheidung – und das ist gut so.

Das Gespräch führte Stefan Bradl


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