Die Schuldgefühle kommen nach den Fantasien im Kopf

Thomas Reider präsentiert heute Montag im Cinematograph den preisgekrönten Film „Stillleben“ über Pädophilie.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Über den Berechnungen, wie Traumatisierungen von Missbrauchsopfern in Erziehungsheimen abzugelten sind, werden gerne Hauptschauplatz und Onkel oder Vater als Täter übersehen, denn Missbrauch findet vorwiegend im familiären Umfeld statt.

Sven, 2008 noch Archäologiestudent, erzählt von den sexuellen Fantasien, die ihn als 16-Jährigen in einer Weise erschreckt haben, dass er sich mit einem Plastiksack ersticken wollte. Drei Jahre lang verbirgt Sven seine Sehnsucht nach kleinen Buben, bis er sich einer Therapie unterzieht und schließlich der Familie eine eindeutige Diagnose präsentiert. So gelassen beginnt der Dokumentarfilm „Outing” von Sebastian Meise und Thomas Reider, die den mit sich hadernden Pädophilen bis 2011 begleitet haben. Ursprünglich wollten Meise und Reider 2007 am Berliner Charité-Krankenhaus für das Drehbuch ihres Spielfilms „Stillleben” recherchieren. „2005”, erzählt der aus Lienz stammende Drehbuchautor und Regisseur Reider, „wurde am Charité pädophilen Männern die Möglichkeit zur Therapie angeboten. Ich weiß nicht mehr, wie viele Therapieplätze es gab, aber am ersten Wochenende waren die Plätze bereits belegt. Der Slogan wurde damals heiß diskutiert, ,lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?‘”

In Berlin ergab sich auch der Kontakt zu Sven, der seine Geschichte erzählen wollte. „Bei ,Outing‘ hat es oft Situationen gegeben“, sagt Reider, „dass man sich wünscht, gar nicht so tief reinzuschauen. Die Ärzte streiten über Pädophilie, Pädosexualität, man weiß nicht, wie man dazu sagen soll. Ob es eine Störung oder eine Krankheit ist, das ist alles nicht so definiert.” Die Filmemacher haben einen forensischen Psychiater gebeten, den Fortgang zu überwachen, um sicherzustellen, „ob das für Sven gefährlich werden kann, ob er sich im Klaren ist, was das bedeutet”.

Für Sven, sagt Reider, „war das immer so eine Art Auftrag. Er glaubt, dass er in der Gesellschaft deshalb so isoliert ist, weil er einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit nie vorstellen kann. Dieses Tabu wollte er brechen, über alles reden, was ihn seit 15 Jahren verfolgt. Er hat das auch gemacht, um den Film seinen Eltern einmal vorspielen zu können, weil es nicht so einfach ist, über so ein Thema mit den Eltern zu reden, also die Wahrheit zu sagen, sonst lügt er ja viel in seinem Leben, im Sinn von sich verstecken und verbergen. Er versucht herauszutreten, auch wenn ihn die Leute dann hassen.” Sven leidet unter einer „Störung der sexuellen Präferenz“. Der Film zeigt das Leiden. „Das wusste ich auch nicht“, sagt Reider, „dass die ein Leben lang kämpfen.” Sven ist in Deutschland einer von 250.000 Männern, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen, schätzt eine Charité-Studie. Für Österreich gibt es noch keine Zahlen.

Für ihren Spielfilm „Stillleben” haben Meise und Reider, beide Absolventen der Wiener Filmakademie, eine ländliche Idylle als Schauplatz gewählt. „Wir kommen”, sagt Reider, „beide aus dem ländlichen Milieu und bei unserer Recherche haben wir eben Menschen kennen gelernt, die ganz normal am Land in einer Familie leben und berichtet haben, wie schwierig das ist, im Verborgenen zu bleiben, dass nichts ans Tageslicht kommt. Das ist also kein Großstadtphänomen.”

Es ist ein Handwerker (Fritz Hörtenhuber), dessen Fantasien über seine inzwischen erwachsene Tochter von seiner Familie entdeckt werden, und der sich dieser Obsession wegen nach Bestrafung sehnt. Es sind die Gedanken im Kopf des Vaters, die ihn und die Familie mit Ekel erfüllen: „Kann ein Vater mit einer seltsam verirrten Liebe ein normaler Vater sein?”, fragt Reiders Drehbuch, ohne eine Antwort zu liefern, denn „wo ist der Mensch frei in seinen Gedanken, da habe ich bei dem Thema keine so konsistente Haltung haben können”.

Von der eigenen Haltung hängt auch die oft verstörende Wirkung der beiden Filme ab. Wie schnell eine Grenze überschritten werden kann, zeigt einer von Svens Bekannten. Der musste den Notausgang der Kastration nehmen. „Es geht ja eine gewisse Gefahr von Menschen aus, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen”, sagt Reider, der den Erfolg beider Filme nicht nur an gewonnenen Festivalpreisen, sondern auch am Diskurs misst, der nun eröffnet wurde: „Mit Leuten zu reden, bevor sie zu Tätern werden, könnte vielleicht einiges verhindern.“


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