Für den Albtraum gerüstet

50 Prozent aller Kindernotfälle sind lebensbedrohlich. Doch nur die wenigsten Erwachsenen fühlen sich solchen Situationen gewachsen. Spezielle Kurse geben Sicherheit.

Von Christian Willim

Innsbruck –Das eigene Kind in Lebensgefahr – so sieht wohl das Horrorszenario jedes Vaters und jeder Mutter aus. „Man hat natürlich Angst, dass man nicht richtig reagiert, wenn etwas passiert“, beschreibt Ariane Hauser ihre Gedanken zu diesem Szenario. Die Mutter eines 20 Monate alten Buben ist eine von rund 20 Teilnehmerinnen eines Erste-Hilfe-Spezial-Kurses der Johanniter, der ihr genau diese Angst nehmen soll. Am Boden liegen Babys und Kleinkinder aus Plastik. Übungspuppen, an denen Martina Egger demonstriert, wie im Ernstfall zu handeln ist. Seit 15 Jahren hält sie bereits solche Lehrgänge und weiß: „Eltern trauen sich oft viel zu wenig zu.“

Das bestätigt auch eine aktuelle Studie im Auftrag des Arbeiter-Samariter-Bundes Österreich (ASBÖ). 300 Personen, die in Haushalten mit Kindern leben, hat das Karmasin-Meinungsforschungsinstitut dafür befragt. Nur 25 Prozent von ihnen glaubten, effektiv Erste Hilfe bei Kindern leisten zu können.

Dabei gilt – und das bläut auch Martina Egger ihren Kursteilnehmern immer wieder ein – der Grundsatz: „Das einzig Falsche, das man machen kann, ist, nichts zu tun.“ Laut der Hallerin gibt es ganz verschiedene Typen von Ersthelfern. „Manche sind sehr aktiv, andere brauchen Anweisungen.“ Aber auch dass Menschen zur Salzsäule erstarren, komme vor. Vor dieser Schockstarre sollen die Erste-Hilfe-Kurse schützen. „Wir wollen den Leuten eine Gebrauchsanweisung geben, die ihnen eine gewisse Sicherheit gibt“, erklärt Egger.

Es sind keine schönen Szenarien, die in den zwei Kurseinheiten durchgespielt werden: Verbrennungen, Vergiftungen oder Säureverletzungen etwa. „Ich habe versucht, mir die Situationen so vorzustellen, als ob sie nicht mein Kind betreffen würden“, verrät Ariane Hauser. Nur zu verständlich. Denn selbst Egger muss eingestehen: „Kindernotfälle sind auch für professionelle Retter emotional sehr fordernd. Denn viele sind selbst Väter oder Mütter.“

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Im Ernstfall gilt für Profis wie Laien: Ruhe bewahren, Überblick verschaffen und dann die Rettung (144) alarmieren. Bis die eintrifft, sind jedoch jene gefordert, die bereits vor Ort sind. Und das sind eben im Großteil der Fälle die Eltern. „Sie können diese wichtige Zeit nutzen.“

Zeit, die Leben retten kann. Etwa bei Badeunfällen, die sich speziell im Sommer naturgemäß häufen. Sofortiges Eingreifen steigert die Überlebenschancen um 70 Prozent. Da sind dann aber auch die Kenntnisse um die anatomischen Unterschiede zwischen einem Baby bzw. Kleinkind und einem Erwachsenen von enormem Vorteil. Sie haben z. B. elastischere Knochen, was andere Maßnahmen erfordert (siehe Infobox).

Dass sich bei Erster Hilfe bei Kindern aber doch einige Wissenslücken auftun, hat auch die ASBÖ-Studie gezeigt – etwa wenn es um das richtige Eingreifen beim Verschlucken von Fremdkörpern geht. Mit 67 Prozent würde zwar die Mehrheit den Rettungsdienst rufen. Ein Teil der Befragten ergreife aber falsche Maßnahmen: 33 Prozent würden versuchen, den Gegenstand mit dem Zeigefinger aus der Mundhöhle herauszuholen, 32 Prozent würden das Kind auf den Kopf stellen. Zu ähnlich häufigen falschen Aussagen kam es bei der Frage nach Maßnahmen bei großflächigen Armverbrennungen oder bei einem Sonnenstich.

Notfälle, die Martina Egger in ihren Kursen mit den Teilnehmern durchspielt. Einen wichtigen Ratschlag kann jedoch jeder beherzigen. „Niemand sollte sich davor scheuen, die Rettung zu rufen.“ Denn genau dafür sei sie da.


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