Schritte, die nur halbe sind

An der Spitze der Empörungs- welle schwimmend, liefert Stéphane Hessel Wertvolles, aber wenig Konkretes.

Von Christoph Mair

Innsbruck – Mit seiner Streitschrift „Empört euch!“ (Indignez vous!) wurde der Deutschfranzose Stéphane Hessel über Nacht zur greisen Galionsfigur der europaweiten, ja weltweiten Protestbewegung gegen die herrschenden Verhältnisse.

Die Autorität des mittlerweile bald 95-Jährigen kommt unbestritten zu einem großen Teil aus seiner eigenen Lebensgeschichte. Der in Deutschland geborene Hessel schloss sich in Frankreich der Résistance an, wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert und ins KZ Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg als Diplomat in den Diensten Frankreichs tätig, war er einer der Mitautoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Ihrer Verteidigung hat sich Hessel bis heute verschrieben.

Hessels Grundbotschaft, die er auch in seinem jüngsten Werk „Empörung – meine Bilanz“ formuliert, ist zu unterstützen. Empörung, Auflehnung, kann immer nur am Beginn eines Prozesses stehen, um die Welt auch nur ein Stück weit zu verbessern. „Empörung erhält ihren Wert durch die anschließende Tat“, schreibt Hessel und meint damit die politische Partizipation. Und wenngleich der Autor schon am Beginn seines autobiografischen Buches, das er auf Bitten seines Verlages geschrieben hat, über sich sagt, dass er kein Philosoph sei, ist die Erwartungshaltung nach seinem raketenartigen Start hoch.

Zu hoch vielleicht. Denn seine Gedanken und eigenen Erfahrungen kommen in einem losen Strom daher und es fehlt ihnen an vielen Stellen, an denen man es sich wünschen würde, an Tiefe.

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Nicht, dass die Erlebnisse eines Mannes mit einem deutlich erkennbaren Hang zu den schönen Künsten, der Anleihen bei verschiedensten, auch zeitgenössischen Philosophen nimmt, nicht reizvoll und interessant zu lesen wären – und teilweise, wie die Rettung durch seinen Freund Eugen Kogon im KZ, tief betroffen machen – zwei entscheidende bzw. reizvolle Facetten fehlen: Einmal will oder schafft es Hessel nicht, seine Erzählungen zu einer (selbst unaufdringlichen) Synthese zu verdichten, die im allgemeinen Gewirr der Deutungen wichtig und willkommen wäre. Und weiters entwickelt der Franzose kaum originelle, überraschende Ansichten.

Zwar hält „Empörung – Meine Bilanz“ einige wertvolle Lebensweisheiten eines erfahrenen und überzeugten Kämpfers für die Grundrechte bereit. Doch selbst diese erschließen sich in dem scheinbar frisch drauflos geschriebenen Text nur mühsam.

Stéphane Hessel. Empörung – Meine Bilanz, Pattloch-Verlag, 240 Seiten, 17,50 Euro.


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