Das Ende der Showtreppe

Früher trugen Showmaster Anzüge und Samstagabende zum Familienzusammenhalt bei. Doch die Ära Kulenkampff ist längst passé, der Entertainer ist zum Juror mutiert. Oder versucht sich als Tausendsassa.

Von Christiane Fasching

Innsbruck –EWG. Diese drei Buchstaben haben mir als Kind die Welt bedeutet. Tauchten sie im Fernsehprogramm auf, war mein Samstagabend gerettet. Und ein gemischtes Eis so gut wie sicher. EWG stand und steht für „Einer wird gewinnen“, die Spielshow von Hans-Joachim Kulenkampff, die bis 1987 für Quotenrekorde sorge. Und dafür, dass die Familie geschlossen vor dem damals noch sehr bauchigen Fernseher hockte, um „Kulis“ harmlosen Witzen zu lauschen und gemeinsam mit den Kandidaten die schier unlösbaren Quizfragen zu lösen. Im Showprogramm traten Opernsänger auf oder wurde Ballett getanzt – Kulenkampff wollte nicht nur unterhalten, sondern auch weiterbilden.

Und wo wäre einer wie Kulenkampff heute? Wohl eher im Spätprogramm von Arte als in der Prime Time der ARD. Bei RTL hätte der Entertainer im seriösen Anzug erst recht nichts verloren. Anzüge trägt hier nur Dieter Bohlen – und die sind nicht mausgrau, sondern knallbunt. Der Kölner Privatsender ist ein Showkanal und Bohlen das goscherte Aushängeschild. Showmaster ist er allerdings keiner: Bohlen ist Pop-Titan und Chefjuror in Personalunion. Er steht für Quote und sitzt bald neben Thomas Gottschalk, der bis vor Kurzem noch die aussterbende Spezies der TV-Entertainer vertrat. Doch die Showtreppe hat der einstige „Wetten, dass ..?“-Moderator nun gegen das „Supertalent“-Jurybankerl getauscht. Mit stolzen 62 Jahren wechselt der Blondschopf also die Fronten – und taucht ein in die Castingwelt, die er früher kritisch beäugte. Aber wohin hätte Gottschalk sonst gehen sollen? Denn große Showformate wie „Wetten, dass ..?“ gibt‘s eigentlich keine mehr. Stattdessen hat sich die TV-Landschaft darauf geeinigt, zu casten und zu quizzen.

Nur ProSieben-Zampano Stefan Raab bildet da eine Ausnahme: Der Tausendsassa hat mit „Schlag den Raab“ ein Format kreiert, das keine halbfertigen Sternchen sucht, sondern Spannung mit Spiel verquickt – und Raab selbst zum Nabel der Showwelt macht. Wer gegen ihn besteht, der nimmt einen fetten Batzen Geld mit nach Hause. Wer gegen ihn verliert, ist aber auch kein Looser, schließlich hat‘s König Lustig drauf. Zumindest jetzt noch – denn jünger wird der 45-jährige Fast-alles-Könner auch nicht. Und wer weiß, wie lange er noch im Sporthoserl Fußballtennis spielen oder wackelige Bierkisten-Türme erklimmen kann.

Markus Lanz ist drei Jahre jünger als Raab, wirkt im Vergleich zum hyperaktiven Springingerl aber wie sein seriöser, älterer Cousin. Der gebürtige Südtiroler, der sein Handwerk bei RTL gelernt hat, übernimmt am 6. Oktober das Ruder bei „Wetten, dass ..?“ und wärmt sich bei seinem ZDF-Late-Night-Talk schon einmal für einfühlsame Couchflüstereien auf. Anzüge stehen dem Feschak, der den Unterhaltungsdampfer vor dem Untergang bewahren soll. Ob ihm das gelingt, steht in den Sternen. Schließlich hat sich die TV-Welt drastisch verändert – wo einst Kulenkampff das Sagen hatte, regiert nun der Quotenkampf.

Und den wird einer verlieren. Gottschalk könnte sein exzessiv betriebenes Sender-Hopping das Genick brechen, Lanz läuft Gefahr, am Vergleich mit seinem Vorgänger zu scheitern, und Raab dürfte irgendwann einmal so abgekämpft sein, dass er schlagbar und damit uninteressant wird.

Doch egal, wer im Kampf um die meisten Zuschauer die Nase vorn hat, verloren hat der Samstagabend. Familientag ist der keiner mehr – längst steht fast in jedem Zimmer ein eigener Fernseher, längst wird da RTL, dort ZDF und hier ORF geschaut. Kulenkampff hätte das gar nicht gefallen.


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