Ein Psychotrip, die Literatur

Roman: Martin Kolozs wickelt sich und die Leser in die Netze der Literatur.

Von Sabine Strobl

Innsbruck –Langsam beginnt man sich als Leserin zu wundern: In den vergangenen Jährchen hat sich Innsbruck als beliebter Schauplatz in Büchern etabliert. Buchhelden reisen nicht nur durch, sie kommen in der Goldenes-Dachl-Stadt an und manchmal morden sie hier sogar herzzerreißend. Germanisten sollten den Trend untersuchen, Touristiker ihn vielleicht für eine Kampagne nutzen. So weit eine Randbemerkung.

Die andere Sache ist, dass der Verleger und Autor Martin Kolozs, der als gebürtiger Grazer zwischen Wien und Innsbruck pendelt, ein Lesesüchtiger sein muss. Und noch eine andere Sache ist, dass diese Sucht – oder schöner gesagt Leidenschaft – ein kurzweiliges Romandebüt hervorgebracht hat. Innsbruck hat in Martin Kolozs‘ „Immer November“ übrigens die Funktion des Startpunktes.

Der Titel passt zur Gemütslage des Literaturjunkies John Salten, der zufälligerweise seinen Nachnamen mit dem „Bambi“-Verfasser Felix Salten teilt. Der junge Mann hat einen Selbstmordversuch überlebt und blickt immer noch mit dem Gefühl der Bodenlosigkeit über den Inn. Der nicht gerade professionell wirkende Psychotherapeut schickt Salten auf Reisen. Das Geld dafür nimmt Salten aus dem kleinen Erbe, das ihm die Großmutter vermacht hat. Während seine Eltern nur Narben hinterlassen haben, war sie die Bezugsperson, die dem Kind Salten half, die bösen Geister zu vertreiben. New York ist das Ziel. Salten interessiert sich nicht für die Sehenswürdigkeiten der Metropole, wohl aber für die angehenden Literaten in einem Club nahe seiner Unterkunft. Gleichzeitig taumelt er durch die Weltliteratur, im Spannungsbogen von Heinrich Mann und Philip Roth. Eine kleine Affäre mit der Kellnerin führt aber zur überstürzten Flucht aus New York. Miesepeter Salten hat sich als Kanulehrer in Connecticut engagieren lassen. Dafür bricht er ein Versprechen, das er seiner Großmutter gegeben hat, nämlich keine Bücher mit dem Erbe zu kaufen. Eine Einführung in den Umgang mit dem Kanu ist aber nötig. Natürlich kauft der Taugenichts dann ein anderes Buch und aus dem Kanufahren wird nichts. Stattdessen bricht Salten zu dem Schriftsteller Norman T. (den Kolozs auch wegen eines anderen Buchprojekts besucht hat) nach Phippsburg auf. Wie die beiden Figuren dann miteinander bekannt werden, gehört zu den gelungensten Passagen des Buches. Salten findet seine Geschichte bei Norman T. aufgeschrieben, Norman T. bezeichnet Salten als sein „Echo“. Was das Buch lesenwert macht? Das literarische Vexierspiel, die munteren amerikanischen Dialoge, der durchschimmernde Humor. Nicht überzeugend ist eine mitunter bemühte Erzählart und Zierrat wie „Schokolade-Karamell-Kokosraspel-Ton“.

Jetzt könnte Kolozs sein Literaturbündel leichter schnüren und einen eigenen Weg einschlagen.

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