Vom Schlecker-Kuchen bekommen alle ein Stück ab

Wie der deutsche Drogerie-Einzelhandel vom Aus des Marktführers profitiert

Von Martin Achter

Frankfurt/Main – Mit dem Aus der letzten 2800 Schlecker-Filialen endete am Mittwoch nicht nur ein Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Im deutschen Drogerie-Einzelhandel wurde auch der Platz des Branchenführers frei - ein Umsatzpotenzial, das sich Rivalen wie dm, Rossmann und Müller nicht entgehen lassen wollen. Seit Wochen bringt sich die Konkurrenz im Kampf um das Geld der Verbraucher in Stellung, das diese bisher bei Schlecker ließen. Doch nicht nur Drogeriemärkte haben es auf Stücke von diesem Umsatzkuchen abgesehen. Auch Supermärkte und Fachhandel wollen ihren Anteil.

Für Drogerieketten wie auch den übrigen Einzelhandel mit Drogeriewaren im Sortiment gehe es „jetzt darum, die Schlecker-Kunden an das eigene Unternehmen zu binden“, sagt Einzelhandelsexperte Wolfgang Adlwarth von der Marktforschungsfirma GfK in Nürnberg. Im Drogerie-Einzelhandel ist dm künftig Marktführer mit einem Jahresumsatz von 6,2 Milliarden Euro. Auf Platz zwei folgt Rossmann mit 5,6 Milliarden Euro, danach kommt Müller mit über drei Milliarden Euro.

40 Prozent wandern an andere Drogeriemärkte

„Wir gehen davon aus, dass 40 Prozent des früheren Schlecker-Umsatzes an Drogeriemärkte wandern, 20 Prozent an Discounter und 40 Prozent an sogenannte Sonstige Einkaufsstätten“, sagte GfK-Experte Adlwarth. Zu diesen übrigen Einkaufsstätten zählen die Konsumforscher Supermärkte und SB-Warenhäuser, aber auch den Kosmetik-Fachhandel.

Das Geschäft mit Drogerieartikeln ist hart umkämpft, wie Einzelhandelsexperte Matthias Queck vom Marktanalyse-Unternehmen Planet Retail sagt. 2000 habe es in Deutschland noch acht größere, unabhängige Drogeriemarkt-Ketten gegeben, heute seien es noch drei große Anbieter. Kaiser‘s Drugstore als Teil der Tengelmann-Gruppe etwa wurde von Rossmann geschluckt, die Kette drospa von der Schlecker-Tochter Ihr Platz. Die bis heute verbliebenen drei großen Anbieter wachsen jedoch von Jahr zu Jahr.

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GfK-Experte Adlwarth sieht das Geschäft mit Drogerieartikeln als ein „Wachstumssegment in einem wertmäßig insgesamt wachsenden Markt“ mit Produkten des täglichen Bedarfs. Zwar sei das Geschäft der Drogeriemärkte zwischen Jänner und Mai dieses Jahres um 0,6 Prozent geschrumpft. „Das sind jedoch Bremsspuren, die sich durch die Situation von Schlecker erklären lassen.“ Der Lebensmittel-Einzelhandel inklusive Drogeriewaren habe in den ersten fünf Monaten des Jahres ein Umsatzplus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnet.

Lebensmittel-Einzelhändler müssen anziehen

Speziell aber der Lebensmittel-Einzelhandel muss sich im Kampf um die Schlecker-Kunden einiges einfallen lassen, wie Matthias Queck von Planet Retail betont. In den vergangenen Wochen hätten zwar auch Ketten wie Rewe oder Netto auf ihren Handzetteln verstärkt mit Drogerieartikeln geworben. Jedoch sei es „am Ende nicht einfach damit getan, Drogerieartikel ins Regal zu stellen“, sagt Queck. „Drogeriemärkte sind Fachmärkte. Wer da mithalten will, muss mit seiner Kompetenz gegen einen Fachhändler bestehen.“

Die Drogerieketten wiederum seien klar positioniert, sagt Queck. dm etwa locke mit günstigen und transparenten Preisen sowie ansprechend gestalteten Filialen. Zudem demonstriere das Unternehmen durch ein großes Angebot an Artikeln eigener Marken Kompetenz im Drogerie-Bereich. Rossmann versuche gezielt, durch Werbung für Aktionsangebote zu punkten sowie durch ein insgesamt breiteres Sortiment - auch jenseits herkömmlicher Drogerieartikel. Müller wiederum habe eine „lukrative Nische für sich aufgetan“ und ersetze heute gerade in vielen kleinen und mittleren Städten das örtliche Kaufhaus.

Für Wolfgang Adlwarth von der GfK stellt sich da die Frage, wie der verbliebene Rest des Schlecker-Imperiums, die ebenfalls insolvente Drogeriemarkt-Tochter Ihr Platz, künftig überleben kann. In der Drogeriebranche seien „alle Kompetenzfelder besetzt“, sagt Adlwarth. „Da wird es eine anspruchsvolle Aufgabe, ein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten.“

Martin Achter ist Korrespondent der Agence France-Presse.


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