Das Märchen vom Kunden als König

In seinem Buch „König Arsch“ schreibt Martin Wehrle über den ganz normalen Wahnsinn als Kunde.

Von Nicole Unger

Innsbruck –Wenn Martin Wehrle einen Wunsch frei hätte, dann hieße dieser wohl: als Kunde ernst genommen werden. Welches Erlebnis es genau war, das den deutschen Autor veranlasste, das Buch „König Arsch. Mein Leben als Kunde – der ganz normale Wahnsinn“ zu schreiben, daran kann sich Wehrle nicht mehr erinnern.

Vielleicht war es die Geschichte im Zug, als Wehrle abkassiert wurde, nur weil ein Schalter geschlossen wurde und der Fahrkartenautomat gestreikt hatte. Oder es war das Erlebnis mit einer Computerfirma, als der Deutsche sich durch Hotlines quälte, weil sein Laufwerk streikte, aber kein Servicefachmann geschickt wurde, sondern ein neues Laufwerk, das Wehrle als unbezahlter Auftragsmonteur der Firma selbst einbauen musste. Oder aber es war die Geschichte vom Waschmaschinenmonteur, der für eine effektive Arbeitszeit von 45 Minuten drei Stunden verrechnete und sogar die Zeit für den Kaffeeplausch in Rechnung stellte.

In elf Kapiteln erzählt Wehrle auf wirklich komische Weise, was eigentlich traurig ist. Er schreibt von Tiefschlägen, die so mancher Kunde kennt. Als Leser findet man sich jedenfalls in jeder einzelnen der wahren Geschichten wieder und ertappt sich dabei, mit dem Kopf zu nicken und zu sagen: „Ist mir auch schon passiert.“

Wehrle meint dazu: „Der Service verkommt zum Abservieren. Die Firmen unterhalten nur noch so viel Personal, wie sie Hände brauchen, um das Geld der Kunden in die Kasse zu stopfen.“ Seine Schlussfolgerung: Wir werden zum Laufburschen unseres Dienstleisters. Beispiel Supermarkt: Erst wenn ein Euro im Wagen steckt, löst sich dieser. Obst und Gemüse sollen selbst abgewogen und mit einem Etikett versehen werden, am Schluss heißt es in einigen Fällen dann noch selbst scannen – und Wagen wieder zurückstellen. „Die Arbeitszeit, die das Unternehmen einspart, ist die Einkaufszeit, die ich zusätzlich brauche. Aber dafür werde ich nicht bezahlt“, klagt der Buchautor.

Amüsant zu lesen ist jener Versuch, als sich Wehrle zur Wehr setzt – und zwar in seiner Funktion als ungefragter Werbeträger. So schrieb er in einem Brief an jenes Unternehmen, das bekannt ist für sein Krokodil-Logo auf den Textilien: „Sehr geehrte Damen und Herren, seit 20 Jahren laufe ich Werbung für Ihr Haus (...). Da ich weiß, dass Prominente Hunderttausende Euro für Werbetätigkeiten bekommen, möchte ich Ihnen eine kleine Rechnung für meine Dienste stellen: Tätigkeit als Werbeträger, Jahreslohn 200 x 20 Jahre = 4000 Euro.“ Auf eine Antwort wartet Wehrle noch heute.

Mit seinem Buch möchte der Autor Verbrauchern eine Stimme geben, die ausspricht, was viele denken, aber Firmen nicht hören wollen. Es ärgere ihn, wenn Konzerne rund um den Globus expandieren, ehe sie ihre Hausaufgaben gemacht und die Verbraucher vor der eigenen Haustür zufrieden gestellt haben. Der Kunde solle wieder König sein.


Kommentieren


Schlagworte