Spanien schrieb mit erneutem EM-Triumph doppelt Geschichte

Die Iberer erobern mit „tiqui-taca“ den dritten großen Titel en suite. Es ist die erste erfolgreiche Titelverteidigung in der EM-Historie.

Kiew – Spanien hat am Sonntagabend mit dem Sieg im EM-Finale in Kiew über Italien gleich in doppelter Hinsicht Fußball-Geschichte geschrieben. „La Roja“ sicherte sich nach dem EURO-2008-Triumph in Österreich sowie der WM-Krone 2010 in Südafrika den dritten großen Titel en suite. Damit gelang dem Team von Erfolgscoach Vicente del Bosque die erste erfolgreiche Titelverteidigung der EM-Historie.

Erst der Fluch, jetzt die Unschlagbaren

Die Iberer waren erneut als Top-Favorit in die EURO in Polen und der Ukraine gestartet, hatten aber viel härter zu kämpfen als vor vier bzw. zwei Jahren, um weiter auf dem Thron zu bleiben. Denn bereits im ersten Match der Gruppe C hatten die Italiener perfekt vorexerziert, wie das gefürchtete „tiqui-taca“, das flinke Kurzpass-Spiel der Iberer, zu entschärfen ist: mit konsequentem Forechecking. Eine Taktik, die auch Portugal im Halbfinale erfolgreich anwendete, allerdings bewies Spaniens Kapitän Iker Casillas nach torlosen 120 Minuten dann im Elfmeterschießen einmal mehr, warum er aktuell als bester Tormann der Welt gilt und stellte mit seinem parierten Elfer die Weichen auf Finaleinzug.

Nachdem die Spanier seit dem ersten EM-Gewinn 1964 jahrzehntelang vom Fluch begleitet worden waren, bei Endrunden spätestens im Viertelfinale zu scheitern, gelten sie nun als die Unschlagbaren. Der Erfolgslauf startete bei der EURO 2008. In Österreich kitzelte damals der alte Futbol-Weise Luis Aragones die Urtugenden des Fußballspiels aus der „Seleccion“ hervor. Damals erlangte das vor allem vom FC Barcelona erfolgreich praktizierte „tiqui-taca“ seinen Weltruf. Und dieser Erfolgsweg wurde unter Del Bosque konsequent fortgesetzt.

Der 61-Jährige aus Salamanca, der Anfang des Jahrtausends Real Madrid zu zwei Meistertiteln und Champions-League-Triumphen geführt hatte, steigt zwar traditionell auf die Euphoriebremse und pflegt stets das Understatement. Doch auch ihm war bei seinem Amtsantritt nach der EM 2008 stets bewusst, dass Top-Profis wie Casillas, Xavi Hernandez, Andres Iniesta, Xabi Alonso, Cesc Fabregas, Gerard Pique oder Fernando Torres für jene Qualität bürgen, aus der Weltmeister und Europameister gemacht werden.

Zwei Pole im Team

Aragones war am Höhepunkt seiner Laufbahn als Teamchef abgetreten, doch mit Del Bosque wurde ein geradezu kongenialer Nachfolger gefunden. Wie Aragones verkörpert er fast den Prototyp des behäbigen Durchschnittsspaniers. Obwohl man sich auch um Aragones und Del Bosque wahrlich keine finanziellen Sorgen machen muss, sind sie damit geradezu die Anti-These der Glanz- und Glamourwelt, mit der die spanischen Topvereine Real Madrid oder FC Barcelona, die das Gros des EM-Kaders stellten, die Fußball-Welt zuvor bereits auf Club-Ebene erobert haben.

Real und „Barca“ stehen in Spanien für zwei Pole: Da die Hauptstadt Madrid, dort das aufmüpfige Katalonien. Im Nationalteam spielen die nationalistischen Ränkespiele aber keine Rolle. Im EM-Kader der Spanier stehen neben sieben Katalanen auch drei Basken. Diese Mischung bürgt für Erfolg - denn „La Roja“ ist nach dem erneuten EM-Finaltriumph über Italien nun schon seit 20 Pflichtspielen ohne Niederlage.

Real Madrid und der FC Barcelona sind aber auch aus anderer Sicht symbolisch dafür, wie Spanien sich der Europa und der Welt derzeit präsentiert. Beide Vereine sind verschuldet, scheuen aber dennoch keine Millionen-Ausgaben, um am Ball zu bleiben. Das lief in der Realwirtschaft in den vergangenen Jahren nicht viel anders. Insbesondere die Immobilienbranche boomte, ehe eine Blase nach der anderen platzte.

Nagelneue Provinzflughäfen oder Technologieparks, die nie in Betrieb gingen, sind dafür ebenso typisch wie halbfertige Wohnsiedlungen oder Hotelanlagen, die in der Weite der Provinz vor sich hin rotten. Die Banken sind pleite und Spanien schlüpfte unter den Rettungsschirm. Für die unter der Last von Sparpaketen ächzenden Bürger ist der neuerliche EM-Titel gewiss ein wenig Labsal auf den Wunden. Denn (guter) Fußball ist bekanntlich eine Art Opium für das Volk... (APA)


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