Politdrama zwischen den Steilhängen

Erl – Nun ist der Wagner-Bann auch mit italienischer Oper gebrochen. Und weil Gustav Kuhn das Versprechen hält, bei seinen Tiroler Festspiel...

Erl –Nun ist der Wagner-Bann auch mit italienischer Oper gebrochen. Und weil Gustav Kuhn das Versprechen hält, bei seinen Tiroler Festspielen den Geist des Passionsspielhauses zu respektieren, war es heuer eben Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ mit ihren römischen Schauplätzen in der Kirche Sant‘Andrea della Valle (auch die Erler Pfarrkirche ist dem heiligen Andreas geweiht), im Palazzo Farnese, wo der politische Häftling Cavaradossi gefoltert wird, und auf der Engelsburg.

Auf dem Besetzungszettel fehlt der Bühnenbildner. Kuhn nennt es „hall opera“, wenn er auf ungestalteter Bühne frugal inszeniert. Bei „Tosca“ ist die leere Bühne ohnedies schon fast genug, im zweiten Akt steht der obligate Tisch mit Kandelabern und dem Messer bereit. Dieses setzt Tosca mit tödlicher Fernwirkung ein, sie selbst versenkt sich schließlich in den Kerker des entseelten Geliebten.

Alles ganz einfach. Die Darsteller agieren im V-Tal zwischen den Steilhängen Orchester und Publikum – wir sind Kirche –, auch die Glocken zum Tageserwachen bimmeln aus dem Auditorium.

Musikalisch einer der schönsten Momente. Magisch, wie Kuhn das auch hier üppig besetzte Orchester zum Leuchten bringt, beseelt die Klarinette, voller Zauber die übrigen Soli, doch auch Polizeichef Scarpias Härte hat hier ihren Ursprung. Peteris Eglitis ist im Leisen am Gefährlichsten, kann aber auch aufstrahlen. Kein Scarpia, der brüllt, einer zum Fürchten. Rossana Potenzas Tosca hat so ziemlich alles, was sie stimmlich braucht, dazu italienische Theatralik und wenig emotionale Überzeugungskraft. Bruno Ribeiros Cavaradossi besitzt reichlich Tenor-Qualitäten, weiß aber noch nicht, dass das Passionsspielhaus nicht auf Druck und Kraft, aber umso wunderbarer auf atemgetragenen Klang antwortet.

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Die kleineren Partien waren mit Julian Orlishausen, Mattia Campetti, Silvano Paolillo, Wade Kernot und Michelle Buscemi besetzt, die Herren abgestuft gekleidet in Frack bis Anzug. Vokal sehr akkurat in ihren Trachten die Wiltener Sängerknaben, auf die der große Chor keine Rücksicht nahm.

Oliviero Giorgiutti war als Mesner putzend unterwegs, auch bei Gustav Kuhns Dirigentenpult. Aber da gibt es ohnedies ganz und gar keinen Staub. (u.st.)


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