Investoren verlassen Italien: 1000 Mrd. in zwei Jahren abgewandert

Das Kapital ausländischer Kunden in italienischen Banken ist innerhalb eines Jahres um 18 Prozent gefallen.

Rom - Wegen der Unsicherheit um die Zukunft des Krisenlands Italien verlassen immer mehr ausländische Investoren das Land. In zwei Jahren sind 1000 Mrd. Euro an ausländischem Kapital aus Italien abgewandert, berichtete die römische Tageszeitung „La Repubblica“. Das entspricht der Hälfte des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Große ausländische Investoren hätten massiv italienische Staatspapiere verkauft. „Die großen US-Fonds finanzieren nicht mehr unsere Banken“, klagte das Blatt.

Das Kapital ausländischer Kunden in italienischen Banken ist innerhalb eines Jahres um 18 Prozent gefallen. Seit 2007 sind fast 400 Mrd. Euro Auslandsgelder aus italienischen Geldhäusern abgezogen worden. Das Vertrauen in die Wirtschaftslage Italiens sinkt. Daher kaufen ausländische Investoren trotz der niedrigen Preise an der Mailänder Börse auch weniger italienischen Unternehmen.

Die Kapitalflucht aus Italien nimmt auch andere Formen an. Seit Anfang 2012 hat die italienische Steuerpolizei 41 Mio. Euro bei verstärkten Kontrollen an den Grenzübergängen, auf Flughäfen und Häfen beschlagnahmt, das sind 78 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2011. Konfisziert wurden nicht nur Bargeld und Wertpapiere, sondern auch Edelmetalle, vor allem Gold und Silber, teilte die Steuerpolizei mit.

Unter dem Druck der schweren Rezession verlassen auch immer mehr Einwanderer Italien. Jeder zehnte Ausländer in der industriereichsten Region Italiens, der Lombardei, will sich in den nächsten zwölf Monaten verabschieden. Vor allem Nordafrikaner und Senegalesen wollen anderswo hinziehen. In der Lombardei lebt ein Fünftel aller Migranten in Italien. Wenn man die Zahlen für die Lombardei auf gesamtstaatliche Ebene umlege, seien 150.000 Ausländer in dem nächsten Jahr bereit, Italien zu verlassen.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Verschuldung auf Rekordhoch

Italien hat mit seinen Staatsschulden einen neuen Rekordstand erreicht: Im Juni 2012 kletterte Italiens Schuldenberg auf 1.972,9 Milliarden Euro. Im Vormonat waren es noch 1.966,3 Milliarden Euro gewesen, teilte die italienische Notenbank am Montag mit.

Im ersten Halbjahr wuchsen die Steuereinnahmen um 2,08 Prozent auf 180,159 Milliarden Euro gegenüber dem Vergleichszeitraum 2011. Dies sei unter anderem der Immobiliensteuer zu verdanken, die die Regierung Monti zu Jahresbeginn eingeführt hat, und den höheren Benzinsteuern, teilte die Notenbank mit. Allein im Juni stiegen die Steuereinnahmen um 5,8 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat 2011. Dies entspreche einem Plus von 2,1 Milliarden Euro.

Italien hat sich kurzfristig Geld geliehen, musste den Anlegern aber höhere Zinsen zahlen. Bei der Auktion von einjährigen Geldmarktpapieren sammelte der Staat am Montag wie geplant 8 Mrd. Euro ein. Dabei bot Italien den Investoren eine Rendite von 2,767 Prozent, wie die Finanzagentur mitteilte. Höher lag der Zins zuletzt Mitte Juni, als 3,97 Prozent fällig wurden. Die aktuelle Auktion war 1,7-fach überzeichnet und traf damit auf größeres Interesse der Investoren als eine vergleichbare Versteigerung im Juli, als die Nachfrage das Angebot nur um das 1,5-Fache überstieg.

EZB-Präsident Mario Draghi hatte jüngst angekündigt, Anleihen von Krisenländern nur unter der Bedingung aufzukaufen, dass sie zuvor Rettungshilfen über den europäischen Rettungsfonds beantragen und sich zu Reformen verpflichten. Italien muss nach bisheriger Planung dieses Jahr noch rund 150 Mrd. Euro am Markt aufnehmen.

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone steckt in der Rezession und kämpft gegen hohe Schulden und wachsendes Misstrauen der Finanzmärkte. Wegen der Wirtschaftsmisere wird sich das Land laut Finanzminister Vittorio Grilli in diesem Jahr sogar stärker verschulden müssen als geplant. Im zweiten Quartal war das Bruttoinlandsprodukt das vierte Mal in Folge geschrumpft. Der Rückgang fiel mit 0,7 Prozent sogar überraschend stark aus . (APA/Reuters)


Kommentieren


Schlagworte