Besondere Grenzgänge: Vom Brenner ins Zillertal

Einmal auf der Landshuter-Europahütte hat man die Qual der Wahl: noch auf einen Berg steigen oder bei gutem Essen die reizvolle Geschichte der Hütte auf sich wirken lassen?

Von Irene Rapp

Brenner –Das Zimmer ist gemütlich. Das Essen köstlich. Nur für den Toilettengang muss man über den Gang von Südtirol nach Nordtirol gehen. Aber gut, manche Beherbergungsbetriebe sind eben anders. So wie die Landshuter-Europahütte in den Zillertaler Alpen. Hüttenwirt Helmut Holzer kann ewig von der Geschichte des Hauses berichten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Schutzunterkunft auf 2693 Metern von der deutschen Sektion Landshut errichtet. Nach Ende des Ersten Weltkriegs war sie jedoch aufgrund der neuen Grenzziehung zweigeteilt.

„Ein Drittel der Hütte befindet sich seitdem auf österreichischem Boden, zwei Drittel auf italienischem“, erzählt der Südtiroler, während wir die köstliche Hausmannskost genießen – und wie erwähnt, mitunter schnell über den Gang von Süd- nach Nordtirol müssen. Grenzgänge der besonderen Art eben.

Ein besonderer Gang war auch der Anstieg herauf zur Landshuter-Europahütte. Mit den Öffis ging es zum Brenner, dann hinein in das verborgene Venntal. Rasch lässt man eine der Hauptverkehrsrouten Europas hinter sich und taucht ein in angenehme Ruhe. Zunächst marschiert man zu den Vennhöfen. Weiter geht es zu Almen, dort zweigt rechts der Weg zur Landshuter-Europahütte ab (Nr. 531/angegeben mit 3,5 Stunden). Und ab da befindet man sich in einer Art riesigem Treppenhaus: Denn bis hinauf auf 2693 Meter müssen mehrere Geländestufen überwunden werden – durch Wald, Almgelände und felsiges Terrain. Der Weg ist jedoch problemlos zu begehen, nur über 1300 Höhenmeter sind zu bewältigen.

Während wir noch im Aufstieg sind, kommt uns bereits ein Bergsteiger vom Kraxentrager entgegen. 2999 Meter ist dieser Berg gleich neben der Landshuter-Europahütte hoch, das sind vom Brenner aus gesehen über 1600 Höhenmeter. 2999 Meter – das war Hüttenwirt Holzer dann doch zu wenig. Auf den Ansichtskarten in seiner Hütte, die den Kraxentrager zeigen, wird der Berg mit 3000 Metern angegeben. „Damit die Leut‘ eine Freud haben“, gibt er als Begründung an, warum er solche Karten drucken hat lassen.

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Heuer ist Holzer bereits das 41. Jahr als Wirt auf der Landshuter-Europahütte im Einsatz, da hat er viel gesehen und erlebt. Jahrelang stand die Hütte leer, erst 1972 wurde sie wiedereröffnet – aber nur der in Nordtirol liegende Teil, der Südtiroler Teil drohte zu zerfallen. Auf öffentlichen Druck hin renovierte der Italienische Alpenverein die Gemäuer, 1989 wurde dieser Teil der Hütte – die seitdem Landshuter-Europahütte heißt –, eingeweiht. Und seitdem zeichnet das Haus eine Besonderheit aus: Eine Staatsgrenze läuft durch sie und AV-Sektionen aus zwei Ländern sind dafür verantwortlich, was man auch sieht: Die Fensterstöcke der Landshuter etwa sind aus Holz, die der Sterzinger aus Plastik.

Am nächsten Morgen dann – wir haben im nach Bozen benannten Zimmer herrlich geschlafen – geht es weiter. Aber nicht wieder auf dem Aufstiegsweg hinab in das Wipptal, sondern Richtung Osten auf einen Höhenweg, der mitunter als Landshuter, meist aber als Tiroler Höhenweg angegeben ist.

In mehreren Etappen führt der Tiroler Höhenweg von Mayrhofen nach Meran – oder umgekehrt –, zumeist auf italienischem Staatsgebiet. Unser Ziel ist in weiter Ferne schon sichtbar: das Pfitscherjochhaus. Allerdings müssen wir oft stehen bleiben. Denn zu fesselnd ist die Landschaft: links hohe Wände, von denen nach den Regenfällen der Nacht Wasserfälle herunterrauschen, rechts sanfte Abhänge hinunter ins Südtiroler Pfitschertal mit reizvoller Vegetation und Blockwerk. Auf angenehmem Weg geht es dahin, mitunter fühlt man sich wie auf einer alpinen Straße (Wegnummer 3), wenn flache Steine „nebeneinandergepflastert“ sind.

Nach einiger Zeit – die angegebene Dauer von 2,5 Stunden haben wir weit überschritten – ist eine Einkehr am Pfitscherjochhaus angesagt. Die private Schutzhütte wird gerade renoviert, die vielen Besucher werden trotzdem schnell bewirtet.

Und dann betreten wir wieder heimatlichen Boden. Wenige Meter nach dem Pfitscherjochhaus in Richtung Norden zeigt u. a. eine Tafel mit der Aufschrift „Republik Österreich“ an, dass die besonderen Grenzgänge wieder Schnee von gestern sind.

Durch den schönen Zamser Grund führt ein angenehmer Weg hinunter zum Zillertaler Schlegeisspeicher. Im Unterschied zum Tiroler Höhenweg, wo man weniger Menschen trifft, begegnen einem hier alle paar Meter Wanderer oder Mountainbiker unterschiedlichster Nationalität und Ausrüstung, wobei Letztere ihr Rad meist schieben. Noch mehr aber wundert man sich, woher das viele Wasser kommt, das von allen Seiten ins Tal schießt.

Gleich neben dem Schleg­eisspeicher liegt übrigens eine Bushaltestelle, an der man den Heimweg antreten kann. Oder man lässt sich abholen und genießt noch einmal am Ufer des grünblau-schimmernden „Sees“ den Blick auf die beeindruckenden und zum Teil vergletscherten Berge der Zillertaler Alpen.


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