„Here‘s looking at you, kid“

Ein Abend mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman: Michael Curtiz‘ zeitlose Weltkriegs-Schmonzette „Casablanca“ im Innsbrucker Zeughaus

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Man muss „Casablanca“ nicht gesehen haben, um das Gefühl zu haben, den Film gut zu kennen. Der 1941 von Michael Curtiz gedrehte Film zählt inzwischen zum kulturellen Allgemeingut. Kaum ein anderer Film wurde so intensiv untersucht, so regelmäßig herbeizitiert, so oft kopiert und blieb doch ein Faszinosum. Kaum ein anderer Film (mit Ausnahme von „Vom Winde verweht“ vielleicht) steht heute exemplarischer für eine Zeit, in der Hollywood noch wirklich Träume produziert hat. Für eine Zeit, in der man Geschichten auch dann noch glaubte, glauben wollte, obwohl man wusste, dass sie verlogen sind. Kurz: Kaum ein Film ist eine mit „Casablanca“ zu vergleichende Einladung zur in Nostalgie getränkter Fachsimpelei.

Dementsprechend viele Hintergrundinfos bekam man am Dienstagabend beim Open-Air-Kino im Innsbrucker Zeughaus zu hören, schon lange bevor die ersten Bilder über die Leinwand liefen. Dass der unsterbliche Satz „Play it again, Sam“ in dieser Form gar nicht im Film vorkommt zum Beispiel. Oder dass der überlebensgroße Bogart in den etwas über hundert Filmminuten achzehn Zigaretten raucht. Ganz zu schweigen von den unzähligen Legenden, die sich um die Entstehung des Films ranken. Geschichten über einen Regisseur, der kein Wort Englisch spricht, über ein unfertiges Drehbuch und über deutsche Schauspieler, die im Film den Nazi gaben und im wahren Leben von Nazis verfolgt wurden.

Geht es nach Treibhaus-Chef und Ferial-Kinomacher Norbert Pleifer, krankt „Casablanca“ an einem Besetzungsfehler. „Anstatt Ingrid Bergman hätte man Lauren Bacall besetzen müssen, dann hätte es wirklich geknistert zwischen Rick und Ilsa.“ Eine Ansicht, der der Großteil der rund 800 Zuschauer im Zeughaus wohl spätestens dann widersprochen hätte, als eine perfekt weichgezeichnete Bergman den rotzbesoffenen Zyniker Bogart mit geprügeltem Hundeblick ein bisschen zu sehr an Paris erinnert. „Wenn er die Frau gehen lässt, ist er ein Depp“, meinte da eine ältere Dame. Sie habe den Film schon oft gesehen. Aber das ist jetzt egal. Jetzt soll sich Rick einen Ruck geben und dem Film ein Happy End. Das letzte Mal bei „Casablanca“ im Freiluftkino habe es geregnet, sagt sie. „Regelrecht geschüttet hat es. Ich dachte, die Welt geht unter.“

Diesmal wird es trocken bleiben und auch diesmal wird sich Bogart schweren Herzens gegen die Liebe und die Bergman und für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit einem korrupten Kollaborateur entscheiden.

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Während die Dame mit Bogart hadert, zieht Norbert Pleifer immer in Sichtweite zur Leinwand seine Runden. „Bei ‚Casablanca‘ brauche ich nur zwei, drei Szenen, dann ist der Tag sowieso gerettet“, wird er nachher sagen. Vor allem der Moment, in dem die Staatenlosen mit einer inbrünstig gesungenen Marseillaise das bierselige Soldatenlied übertönen, hat es ihm angetan. „Eigentlich“ – sagt er – „wollte ich Zettel verteilen und die Zuschauer zum Mitsingen auffordern. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal.“


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