Wie im Krimi: Papst Benedikts Kammerdiener muss vor Gericht

Wochenlang wartete die Öffentlichkeit auf die Entscheidung, dann die Überraschung: Nicht einer, sondern zwei Beschuldigte müssen in der „Vatileaks“-Affäre vor Gericht. Kommt nun alles ans Licht?

Von Daniel Rademacher, dpa

Rom – Die Geschichte hat alles, was ein guter Krimi braucht: Ein päpstlicher Kammerdiener wird verhaftet, weil er brisante Informationen über Intrigen im Vatikan entwendet haben soll. In den Medien ist anschließend von einem angeblichen Mordkomplott gegen Benedikt XVI. und dem Finanzgebaren der Vatikanbank zu lesen. Später schießen wilde Spekulationen über mögliche Hintermänner ins Kraut. Der Vatikan dementiert heftig. Schließlich taucht ein weiterer Beschuldigter auf, die Ermittlungen gehen weiter. Doch „Vatileaks“ ist kein Thriller, sondern Gegenstand einer Gerichtsverhandlung - vermutlich im Herbst. Bis dahin dürfte es spannend bleiben.

Der Abschluss der Ermittlungen war seit längerem erwartet worden, und die Entscheidung über eine Anklage hätte schon vor einigen Tagen vorliegen sollen. Doch der Vatikan verschob die Bekanntgabe in der vergangenen Woche kurzerhand. Dabei hatten Beobachter zu diesem Zeitpunkt schon kaum mehr Zweifel daran, dass sich der frühere Kammerdiener Benedikts, Paolo Gabriele (46), wegen schweren Diebstahls vertraulicher Dokumente vom päpstlichen Schreibtisch vor Gericht wiederfinden würde.

Überraschende Details

Doch am Montagmittag, als Vatikan-Sprecher Federico Lombardi die Öffentlichkeit über die Neuigkeiten informierte, kamen einige Überraschungen zutage: Das gilt zum einen für die Anklage gegen einen weiteren Vatikan-Mitarbeiter, einen 48 Jahre alten Informatiker aus dem Staatssekretariat des Kirchenstaats. Zum anderen aber auch für Einzelheiten zu den Ermittlungen gegen den Kammerdiener.

Lombardi betonte in seinen Ausführungen, dass die beiden Angeklagten keine Komplizen seien. So sei am Arbeitsplatz des Informatikers ein Umschlag mit vertraulichen Vatikandokumenten gefunden worden, zitierte Radio Vatikan Lombardi. Der Informatiker habe sich dann in Widersprüche über die Herkunft dieser Dokumente verstrickt. Es sei aber wahrscheinlich, dass er mit einer milden Strafe davonkomme, bis hin zu einem Freispruch.

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Bei Paolo Gabriele sieht die Sache gravierender aus. Hier wurden den Ermittlern zufolge nicht nur Papiere gefunden, sondern auch Geschenke, die an den Papst gerichtet waren - darunter ein Scheck über 100 000 Euro, ein Goldstück und ein wertvolles Buch.

Anklageschrift: viele Punkte offen

Gabriele wurde im Laufe der Ermittlungen auch psychiatrisch untersucht - sowohl auf Veranlassung der Ermittler als auch der Verteidigung. Beide Gutachten kommen laut Radio Vatikan zu dem Schluss, Gabriele habe seelische Probleme. Dennoch sei der Richter von einer Schuldfähigkeit ausgegangen und es sei Anklage erhoben worden.

Gabrieles Anwalt versicherte laut Nachrichtenagentur Ansa noch am Montag, dass sein Mandant nichts von dem Scheck gewusst und niemals vorgehabt habe, ihn einzulösen. Mit Blick auf die Anklageschrift sagte Gabrieles Verteidiger Carlo Fusco, diese lasse viele Punkte offen.

Was bedeutet dies nun für die Gerichtsverhandlung? Ob Haftstrafe oder Freispruch - wie auch immer das Urteil ausfällt, Papst Benedikt XVI. hat das letzte Wort. Denn kraft seines Amtes kann er den Mann begnadigen. Beim Papst hat sich der Kammerdiener jedenfalls bereits entschuldigt. (dpa)


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