Wandern, bis der Arzt kommt

Oft endet der Gipfelsturm mit offenen Blasen, blauen Zehen oder gar ernsthaften Herz-Kreislauf-Problemen. Allgemeinmediziner Edgar Wutscher aus Sölden weiß, was dagegen hilft.

Von Elke Ruß

Sölden –Der Berg ruft, doch der Schuh ist zu weit oder der Weg letztlich doch zu steil: Allgemeinmediziner Edgar Wutscher in Sölden kennt die Leiden der Wanderer aus der täglichen Praxis. Viele der schmerzhaften Probleme ließen sich leicht umgehen.

1 Blasen: Schuld sind häufig neue Socken oder nicht richtig eingelaufene Schuhe. „Die Haut reibt und wehrt sich, sie bildet zwischen ihren Schichten Flüssigkeit“, erklärt Wutscher. „Geht man trotzdem weiter, reißt der Hautmantel, es kann auch zu Entzündungen kommen.“ Für längere Wanderungen sollte man deshalb nur „ältere, schon ein bisschen ausgelatschte Socken“ und gut eingegangene Schuhe tragen. Als Alternative zu Blasenpflastern verwendet Wutscher einen Verband, bei dem er die Blase mit einem – individuell angepassten – Filzring vom Druck entlastet. Für offene Blasen gebe es Salben-Gitterverbände, bei einer Entzündung müsse der Patient unter Umständen auch ein Antibiotikum schlucken.

2 Blaue Zehen entstehen durch einen zu kurzen oder falsch gebundenen, rutschenden Schuh: Beim Berg­ab­gehen stößt die Zehe – meist die große – so lange an die Schuhkuppe, bis sich der Nagel vom Nagelbett löst und ein Bluterguss entsteht. „Da ist ganz wenig Blut, aber es entsteht sofort ein massiver Druck.“ Abhilfe schafft der Arzt, indem er unter sterilen Bedingungen kleine Löcher in den Nagel bohrt. „Die Flüssigkeit tritt aus, es tut nicht mehr weh.“ Der Patient könne sogar weiterwandern, sollte aber zum Schutz bis zu zwei Wochen ein Pflaster tragen. „Unten wächst ein neuer Nagel nach, sobald der weit genug vorne ist, fällt der alte ab, das Nagelbett bleibt aber schön erhalten.“

3 Der Muskelkater sei „ein klassisches Zeichen, dass ich mich überbelastet und nicht gut genug vorbereitet habe“. Milchsäurekristalle lagern sich in den Muskeln ab, reiben und schmerzen. Angesagt ist körperliche Aktivität „unter geringerer Belastung“, damit sie verschwinden. Medikamentös helfen abschwellende, schmerzlindernde Mittel (Antirheumatika).

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4 Bei Knieproblemen spiele oft Übergewicht mit, teils seien die Wanderer nicht genug trainiert, weiß Wutscher. „Besonders beim langen Bergabgehen kommt es zur Überbelastung, die Knorpel reiben aneinander, es kommt zu Schwellungen, die äußerst schmerzhaft sein können.“ Therapiert wird mit schmerzlindernden, abschwellenden Medikamenten und Eispackungen. Vorsicht bei Bandagen: „Teilweise haben die Patienten schon Abnutzungen, der Druck auf das aufgeraute Gewebe kann ungünstig sein.“ Hinauf gehen, aber herunter Lift fahren sei da sehr zu empfehlen. „Man hat trotzdem das Bergerlebnis und eine Leistung erbracht.“ Vorbeugend sollte man Rad fahren: „Je stärker die Oberschenkelmuskulatur ist, desto weniger Belastung kommt aufs Knie.“

5 Aufgeriebene Haut war im Zeitalter der Lederriemen noch häufig, ist dank moderner Rucksackmaterialen selten geworden. Wenn es doch passiert: „Gewicht reduzieren und entzündungshemmende, hautaufbauende Salben schmieren.“ Gegen Sonnenbrand hilft guter Sonnenschutz (Ohren nicht vergessen!).

6 Atembeschwerden: Die häufigste Ursache ortet Wutscher in der Trafik, aber auch Allergien können zu Atemproblemen führen. Im ersten Fall hilft es, nicht zu rauchen, im zweiten helfen Antihistaminika. „Sie machen heute nicht mehr so müde, man ist von der Leistung nicht so eingeschränkt.“ Linderung kann auch ein „Asthma“-Spray verschaffen. In der Höhe bekommen die Patienten meist besser Luft, weil weniger blüht und es kühler ist.

7 Herz-Kreislauf-Probleme: Der Herztod ist bereits die Todesursache Nummer eins am Berg. Die häufigste Ursache von Problemen ist laut Wutscher, „dass die Leute viel zu wenig trinken. Durch das Schnaufen und Schwitzen verliert man viel Flüssigkeit, das Blut dickt ein und geht nicht mehr durch die Gefäße durch.“ Ein klassisches Signal seien Kopfschmerzen, eine große Rolle spiele die Hitze. Im Extremfall kommt es zum Gefäßverschluss und einem Herzinfarkt bzw. Schlaganfall, der tödlich enden kann. Wutschers Rat: viel trinken, aber vorher daheim testen, welchen Durstlöscher der Magen verträgt, und die Belastung „mit Hausverstand“ wählen.

8Vorsorge: Wer bereits „bei leichterer Anstrengung Herz- oder Gelenksbeschwerden spürt, sollte zum Arzt gehen. Auch wenn man etwas Größeres vorhat wie eine Fernwanderung, sollte man sich anschauen lassen.“


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