PKK entführte Abgeordneten - Signal auch wegen Syrien

Von dem Abgeordneten fehlte am Montag jede Spur, auch Forderungen der Entführer lagen nicht vor. Der PKK gehe es um eine Machtdemonstration, sagen Experten.

Von Susanne Güsten, APA

Istanbul - Mit der ersten Entführung eines Abgeordneten des türkischen Parlaments seit Beginn des bewaffneten Kurdenkonflikts vor fast 30 Jahren hat die kurdische Rebellengruppe PKK gezeigt, wie stark sie in einigen Gebieten Anatoliens inzwischen ist.

Beratungen mit dem Geheimdienst

Der kurdischstämmige Politiker Hüseyin Aygün von der Oppositionspartei CHP werde „einige Tage bei uns bleiben“, sagten die PKK-Kämpfer bei der Entführung am Sonntagabend, wie ein von den Entführern freigelassener türkischer Journalist berichtete. Von Aygün fehlte am Montag jede Spur, auch Forderungen der Entführer lagen nicht vor. Doch der PKK geht es nach Einschätzung von Experten weniger um konkrete Forderungen als um eine Machtdemonstration, die auch mit der Lage in Syrien zusammenhängt.

Aygüns Entführung am Sonntagabend in seinem Wahlkreis im ostanatolischen Tunceli folgt auf einen Bombenanschlag einer PKK-Unterorganisation im Westen der Türkei vergangene Woche und stellt eine neue Stufe in einem Konflikt dar, der wegen der Unruhen im benachbarten Syrien ohnehin schon gefährlich eskaliert war.

Seit Beginn des bewaffneten Konfliktes zwischen der PKK und dem türkischen Staat im Jahr 1984, dem bis heute rund 40.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, hat die PKK mehrere hundert Menschen entführt, darunter auch örtliche Behördenvertreter. Doch ein türkischer Parlamentsabgeordneter ist bisher noch nie verschleppt worden.

Diese Tatsache ließ in Ankara die Alarmglocken läuten. „Zum ersten Mal ist ein Parlamentsabgeordneter von der Terrororganisation entführt worden“, erklärte Aygüns Partei CHP. „Das zeigt, welche Dimension der Terror in der Türkei inzwischen erreicht hat.“ Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beriet am Montag mit Geheimdienstchef Hakan Fidan über die Lage. In Tunceli rollte eine groß angelegte Operation der Sicherheitskräfte an, um Aygün zu finden.

„Wenn ihr schießen wollt, dann tut es gleich“

Nach Angaben des Journalisten Kadir Merkit von der Zeitung „Aksam“, der Aygün in Tunceli begleitet hatte und zusammen mit einem Berater des Politikers freikam, wurde der Wagen des Politikers auf einer einsamen Landstraße von zwei bewaffneten PKK-Kämpfern gestoppt. Aygün habe sich der Entführung widersetzt. „Wenn ihr schießen wollt, dann tut es gleich“, habe der Abgeordnete gesagt. Schließlich seien die PKK-Kämpfer mit Aygün im Wald verschwunden. Die PKK bestätigte die Entführung am Montag und sprach von einer „Festnahme“.

Warum die PKK Aygün, selbst Kurde und Mitglied der alewitischen Minderheit der Türkei und als Verfechter von mehr Demokratie und Freiheitsrechten bekannt, als Entführungsopfer auswählte, blieb zunächst unklar. Offenbar hatte Aygün sich nicht gefährdet gefühlt; nach Behördenangaben lehnte er Polizeischutz bei seiner Rundreise durch seinen Wahlkreis ab, obwohl die PKK seit Jahren in der Gegend aktiv ist.

Mehmet Özcan, Chef der Denkfabrik Strategisches Institut Ankara und Professor an der türkischen Polizeiakademie, glaubt nicht, dass es der PKK um Aygün an sich geht. „Es ist eine Botschaft, vor allem an die eigene Basis“, sagte Özcan am Montag. „Die Botschaft lautet: ‚Schaut her, wir sind hier, wir können sogar einen Parlamentsabgeordneten entführen.“

Im Hintergrund stehen die Bemühungen der PKK, ihre Macht im türkischen Südosten und im Norden Syriens auszubauen. In einer zweiwöchigen Militäraktion wehrte die türkische Armee kürzlich einen Versuch der Rebellen ab, im südostanatolischen Semdinli zumindest zeitweise die Macht zu übernehmen. Im Norden Syriens, wo die Macht der Staatsgewalt wegen der Unruhen bröckelt, hat die PKK-Partnerorganisation PYD bereits einige Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht.

Laut Özcan will sich die PKK mit den teils blutigen Machtdemonstrationen auf beiden Seiten der Grenze bei Freund und Feind als wichtiger Akteur und Vertreter der Kurden präsentieren. Und deshalb sei der Höhepunkt der Gewalt wohl noch nicht erreicht: „Ich rechne mit einer weiteren Eskalation und weiteren Anschlägen.“


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