Verheerender Sommer für Spaniens Wälder

Die Löschmannschaften bekommen den Waldbrand auf La Gomera nicht unter Kontrolle. Seit über einer Woche lodern auf der Kanaren-Insel die Flammen. Nun bringen sie auch einen Ferienort in Gefahr.

Von Hubert Kahl

Madrid – Die Flammen tauchen den Nachthimmel von La Gomera in ein rötlich-gelbes Licht. An den Berghängen der Kanaren-Insel steigen dicke Rauchwolken empor. Die Urlauber und Bewohner von Valle Gran Rey hatten sich in dem bedeutendsten Ferienort der Insel trotz der Waldbrände lange Zeit in Sicherheit gewogen, aber in der Nacht auf Montag änderte sich das Szenario plötzlich. Der Wind trieb die Flammen von den Hängen hinab in das „Tal des großen Königs“, wie der Urlaubsort in deutscher Übersetzung heißt.

Das Feuer griff am Ortsrand auf 30 Häuser und den Friedhof über. Gegen Mitternacht wurden die Einheimischen und Touristen über Lautsprecher aufgerufen, ihre Wohnungen und Hotels zu verlassen. Etwa 3.000 Menschen versammelten sich im Hafen. Der Geruch von Verbranntem durchwehte die Straßen des Ortes. „Ich hatte Angst, aber ich wusste auch, dass die Flammen nicht in den Ortskern gelangen würden“, sagte der Spanier Nacho Cova, der seit 18 Jahren seine Ferien in Valle Gran Rey verbringt, der Nachrichtenagentur Efe.

Fluchtweg über Land abgeschnitten

An ein Verlassen des Ortes auf dem Landweg war nicht zu denken, weil die Zufahrtsstraße wegen des Feuers gesperrt war. Die Regierung der Kanaren charterte zwei Fähren und brachte mehr als 900 Bewohner, darunter auch mehrere Touristen, in die Inselhauptstadt San Sebastián. Die meisten Einheimischen zogen es jedoch vor, in Valle Gran Rey zu bleiben. Sie verbrachten die Nacht im Hafengebiet und kehrten später in ihre Wohnungen zurück. Der Ferienort mit seinen Stränden und Terrassenfeldern war in den 70er Jahren von Hippies aus aller Welt entdeckt worden. Er entwickelte sich später zu einem idyllischen Touristenziel mit Palmen und bunten Gärten.

Von Valle Gran Rey fraßen sich die Flammen am Montag in Richtung auf die Ortschaft Vallehermoso im Innern der Insel vor. Deren 3.000 Bewohner wurden mit Bussen und Autos ebenfalls nach San Sebastian gebracht. Der Waldbrand war vor gut einer Woche an drei verschiedenen Stellen ausgebrochen, vermutlich infolge von Brandstiftung. Die Löschmannschaften bekamen die Flammen nach einem tagelangen Kampf unter Kontrolle, aber am vorigen Freitag fachten die Hitze und der Wind das Feuer neu an.

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Teile von Nationalpark vernichtet

Das Schlimmste an dem Brand ist, dass die Flammen auch Teile des Nationalparks Garajonay vernichteten, der sich durch seinen immergrünen, märchenhaften Urwald auszeichnet. Fast ein Fünftel der Fläche dieses Weltnaturerbes der Unesco brannte nieder.

Für die Wälder in ganz Spanien ist der diesjährige Sommer verheerend. Bis Anfang August wurden 1.320 Quadratkilometer Wald- und Buschland ein Raub der Flammen, dreimal so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Dies entspricht etwa der Hälfte der Fläche des Saarlands. Die anhaltende Trockenheit ist eine der Ursache für die vielen Waldbrände. Spanien hatte 2011/2012 den trockensten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt. Auch der Sommer ist ungewöhnlich niederschlagsarm.

„Magische Zahl 30“

Bei der Einschätzung der Waldbrandgefahr ist die Zahl 30 eine magische Ziffer: Wie der Forstexperte Raul de la Calle erläuterte, gilt die Gefahr als besonders groß, wenn es seit 30 Tagen nicht geregnet hat, die Temperatur auf über 30 Grad steigt, die Luftfeuchtigkeit unter 30 Prozent und die Windgeschwindigkeit mehr als 30 Kilometer in der Stunde beträgt. Auf La Gomera trafen alle Punkte zu. Daher konnten die Flammen sich auch im Garajonay-Park ausbreiten, dessen Wälder normalerweise durch dichte Nebel und feuchte Luft ausreichend mit Flüssigkeit versorgt werden.

Hubert Kahl ist Korrespondent der Deutschen Presseagentur.


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