Wirtschaft verliert an Schwung - Schrumpfen im 3. Quartal möglich

Der reale BIP-Anstieg bremste sich gegenüber dem Vorquartal von 0,5 auf 0,2 Prozent ab. Der Wifo-Experte Scheiblecker geht sogar von einem Schrumpfen im 3. Quartal aus.

Wien - Österreichs Wirtschaft ist im 2. Quartal wie erwartet schwächer gewachsen als zu Jahresbeginn. Der reale BIP-Anstieg bremste sich gegenüber dem Vorquartal von 0,5 auf 0,2 Prozent ab und schmolz im Jahresabstand von 2,0 auf ebenfalls 0,2 Prozent zusammen. Diese erste Schätzung gab das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) am Dienstag ab. Trotz der relativ deutlichen Konjunkturabkühlung könne die Entwicklung in Österreich angesichts der Rezession im Euro-Raum aber als relativ gut bezeichnet werden, betonen die Wifo-Experten.

Bisher kein Minus-Quartal

Die mäßige Konjunkturdynamik hat sich im Frühjahr (April bis Juni) laut Wifo in nahezu allen Nachfragekategorien gezeigt. Sowohl der gesamtwirtschaftliche Export als auch der Import wuchsen gegenüber dem vorhergehenden Vierteljahr mit real 0,5 bzw. 0,6 Prozent zwar stärker als im 1. Quartal (+0,4 bzw. -0,1 Prozent), da aber beide Komponenten gleichmäßig zunahmen, „lieferte der Außenbeitrag nahezu keinen Wachstumsimpuls für die heimische Wirtschaft“, heißt es.

Die Anlageinvestitionen wurden mit real 0,4 Prozent ähnlich ausgeweitet wie im 1. Quartal (0,3 Prozent). Während die Nachfrage nach Bauinvestitionen gegenüber der Vorperiode stagnierte, nahmen die Investitionen in Ausrüstungsgegenstände abermals zu. Die Konsumnachfrage der privaten Haushalte stagnierte im 2. Quartal, nachdem sie im 1. Quartal um 0,2 Prozent gewachsen war. Der öffentliche Konsum stieg mit 0,5 Prozent etwas schwächer als in der Periode zuvor (1. Quartal: 0,6 Prozent).

Die Wifo-Schnellschätzung zum BIP in Q2 berücksichtigt nach Angaben des Instituts wie üblich die im Juli von der Statistik Austria neu veröffentlichten Werte für die vergangenen Jahre. Daraus ergaben sich auch stärkere Revisionen der zurückliegenden Quartale. Demnach gab es - wie schon länger bekannt - kein Minus-Quartal zu Ende des Vorjahres, sondern es stagnierte das heimische BIP gegenüber dem Vorquartal auch nur im 3. Quartal 2011. Für die Zeit davor wurde freilich das Quartalswachstum auf 0,3 Prozent im 2. Vierteljahr und auf 0,6 Prozent im 1. Vierteljahr 2011 abgesenkt.

Dafür wuchs das heimische BIP gegenüber dem Vorquartal im letzten Vierteljahr 2011 um 0,2 Prozent - und auch zum Jahresauftakt 2012 mit real 0,5 Prozent spürbar kräftiger als bisher angenommen. Der BIP-Anstieg im Jahresabstand wurde vom Wifo nun für das Schlussquartal 2011 auf 0,4 Prozent herabgesetzt und für das 3. Quartal auf 1,8 Prozent nach unten revidiert. Am 10. September publiziert das Institut ein ausführlicheres Update zum BIP im 2. Quartal. Für 28. September ist dann die neue vierteljährliche Konjunkturprognose von Wifo und IHS geplant.

Schrumpfen in Q3 möglich

Wifo-Konjunkturexperte Marcus Scheiblecker geht davon aus, dass - wie vermutlich die deutsche - auch die österreichische Wirtschaft im 3. Quartal schrumpfen wird. Danach könnte es noch ein weiteres Mal ein kleines Minus oder ein Nullwachstum geben. Das wäre dann „durchaus eine rezessive Phase“, so Scheiblecker am Dienstag im Gespräch mit der APA. Im Jahresverlauf 2012 habe man eine Rezession nie ausgeschlossen, mit dem 3. Quartal komme das Minus ohnedies „überraschend spät“. Damit das prognostizierte Wachstum von 0,6 und 1,3 Prozent in den Gesamtjahren 2012 und 2013 „halte“, müsse es aber gelingen, die belastende Euro-Krise „aufzulösen“, so der Experte.

„Wir haben uns eine Lösung der Euro-Schuldenkrise eigentlich etwas schneller vorgestellt“, schließlich schlage sich dieses Problem in Europa in den realwirtschaftlichen Investitionen nieder „und belastet mehr und mehr auch Österreich“, so Scheiblecker. Die EZB „dürfe“ zwar von ihrem Auftrag her keine Staatsfinanzierungen vornehmen, doch sei sie „das einzige Institut, das hier überzeugend agieren könnte“: „Wenn sie jegliche Schulden übernimmt und eingreift, könnte das wirken“, ist der Experte überzeugt und fügt hinzu: „Viele sagen, das ist notwendig. Eine Inflationsgefahr seh‘ ich da noch keine.“

Ungelöste Euro-Krise

Für die großen südeuropäischen Problemländer Italien und Spanien bestehe durch die ungelöste Euro-Krise „nach wie vor eine Infektionsgefahr - wenn sie nicht schon verschnupft sind wegen der hohen Anleihezinsen“. Je länger die Bond-Zinsen für die Aufnahme neuer Schulden so hoch bleiben, desto teurer werde das für diese Staaten. Und das, so der Wifo-Experte, schlage dort ja bereits sichtbar auf die Realwirtschaft durch: In Italien ist das BIP im 2. Quartal um 0,7 Prozent eingebrochen - das dritte Minus in Folge beim zweitwichtigsten Handelspartner Österreichs nach Deutschland -, in Spanien um 0,4 Prozent, und Frankreichs Wirtschaft stagnierte.

Auch Österreich wäre ohne Euro-Krise rascher gewachsen, sagt Scheiblecker. Doch profitiere unser Land - ebenso wie unser Nachbar Deutschland - von den relativ starken Märkten außerhalb Europas. Dass heuer irgendwann ein Minus-Quartal kommen müsse, sei schon länger klar gewesen: „Das ist implizit drinnen in unserer Prognose.“ So hätten die Wifo-Konjunkturumfragen schon fünfmal hintereinander nach unten gezeigt. Ebenso stünden der Bank-Austria-Einkaufsmanagerindex und auch der deutsche ifo-Index auf Schrumpfung.

Dass der Privatkonsum in Österreich im 2. Quartal nach längerer Zeit kein Wachstum mehr gegenüber der Vorperiode aufgewiesen hat, sieht Scheiblecker nicht als alarmierend an. Der Konsum sei zwar nicht so dynamisch wie erhofft, aber doch „robust“. Das werde auch 2013 der Fall sein, nimmt der Experte an, wenn die Österreicher - anders als heuer - etwas weniger sparen und dafür wieder mehr von ihrem Geld in den Konsum lenken.

Eurozone auf Rezessionskurs

Die Eurozone steuert auf eine Rezession zu. Das Bruttoinlandsprodukt in der Währungsunion ging ebenso wie in der gesamten EU von April bis Juni im Vergleich zum Vorquartal um 0,2 Prozent zurück, wie das Statistikamt Eurostat am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte. Im ersten Quartal hatte das BIP-Wachstum in der Eurozone noch bei 0,0 Prozent stagniert, Ende 2011 war es um 0,3 Prozent zurückgegangen. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession.

Auch die Industrieproduktion fiel im Juni gegenüber dem Vormonat Mai in der Eurozone um 0,6 Prozent, in der gesamten EU sogar um 0,9 Prozent. Im Mai hatte die Produktion noch um 0,9 Prozent in der Währungsunion und um 0,8 Prozent in der EU zugenommen.

Gegenüber dem zweiten Quartal 2011 sank das BIP nunmehr im Euroraum um 0,4 Prozent und in der EU um 0,2 Prozent. Die Industrieproduktion fiel gegenüber Juni 2011 im Euroraum um 2,1 Prozent zurück und in der EU um 2,2 Prozent. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Wirtschaft der Eurozone in diesem Jahr um 0,3 Prozent schrumpft. Für 2012 traut sie ihr wieder ein Wachstum von 1,0 Prozent zu. (APA)


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